Dinosaurier & Säugetiere

16. Juni 2000, 08:03

Michael Fleischhacker

Der Klassenkampf", schrieb Friedrich Dürrenmatt 1990 in seinem hellsichtigen Essay Gedankenfuge, "ist eine Interpretation der Geschichte, als hätten die Dinosaurier durch die Gründung einer Partei beschlossen, Säugetiere zu werden."

Dürrenmatt meinte damit den echten Klassenkampf.

Der österreichische Klassenkampf, der zehn Jahre später zwischen einer Außen-Links-Mitte-Rechts-Außen-Regierung und frei flottierenden Sozialpartner-Resten ausgebrochen ist, hätte selbst den wortmächtigen Schweizer begrifflich überfordert. Am ehesten noch ließe er sich beschreiben als Versuch, per Vereinbarung dafür zu sorgen, dass aus Säugetieren wieder Dinosaurier werden. Nicht unambitioniert, aber ein wenig eigen.

Kaum sind die Tränen der Rührung über die Opferbereitschaft der Eisenbahner - künftig wollen sie als Gegenleistung für die Rücknahme geplanter Erhöhungen der Pensionsbeiträge selbstlos nur noch sieben statt achteinhalb Jahre früher als ihre ASVG-Kollegen (mit 82 Prozent des Letztbezugs) in Pension gehen - einigermaßen getrocknet, zeichnet sich auch bei den Gesprächen mit den Staatsdienern eine leise Hoffnung auf "Annäherung" ab: Am Ende wird die Pensionsreform ja doch ein bisserl verschoben?

Wenn sich diese Regierung selbst noch ein wenig ernst nimmt, muss sie die Pensionsreform, die ohnehin nur ein erster Schritt sein kann, durchziehen. Auch und vor allem bei den Beamten, die es immer wieder geschafft haben, sich der Angleichung an die ASVGler zu widersetzen. Auch wenn man diese ersten zaghaften Versuche, das Kuriositätenkabinett des österreichischen Sozialwesens ein wenig zu entstauben, als Aufforderung zum Klassenkampf einstuft: Wenn diese Mini-Reform Klassenkampf bedeutet, dann ist der Widerstand der schwarzen Beamtengewerkschafter realsozialistische Wiederbetätigung.

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