"Song für C": Ein Krimi für Handys feiert Uraufführung

30. Juli 2006, 19:24
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Premiere beim Münchner Filmfest - Weitere Probe-Performance im September bei der Ars Electronica in Linz

Es herrscht Halbdunkel in dem kleinen Theatersaal. 60 Menschen stehen im Raum verteilt und blicken gebannt auf ihre Handy-Bildschirme, über die gerade ein Film flimmert. "Song für C" heißt der Kurzkrimi - der erste Film, der speziell für Mobiltelefone gedreht wurde und von einem Sendemasten an alle Teilnehmer übertragen wird. "Das ist der Versuch, für die Handys der Zukunft eine neue Erzählweise zu entwickeln", sagt Marc Weis von der Münchner Künstlergruppe M+M, deren Regiearbeit am Freitagabend auf dem Münchner Filmfest uraufgeführt wurde.

Zusammen mit der Hochschule für Kunst und Gestaltung Zürich haben Weis und sein Partner Martin De Mattia dieses Projekt entwickelt. Ab Mitte 2007, so schätzen sie, können auch normale Handynutzer die Filme empfangen - vorausgesetzt, sie haben das passende Gerät.

Anders als im normalen Kino läuft "Song für C" aber nicht als kompletter Film ab. Wer mitmacht, bekommt zwei Wochen lang jeden Tag zu unterschiedlichen Uhrzeiten kurze Videosequenzen, Telefonanrufe, SMS-Kurzmitteilungen und Bilder auf das Handy gesendet, aus denen sich am Ende die komplette Geschichte zusammensetzt: Ein Vater sucht seine 18-Jährige Tochter Clara und beauftragt die Detektivin Ellen Kramer, sie zu finden. Das Mädchen liebt den zwielichtigen Musiker Tom und ist auf mysteriöse Weise unauffindbar. "Es ist, als wäre man ein Voyeur, der das alles durch das Handy der Detektivin sieht", beschreibt Weis. Außerdem können die Zuschauer selbst aktiv werden, im Archiv der Detektivin stöbern oder bei bestimmten Videosequenzen auf eine andere Kameraeinstellung wechseln.

"Uns hat gereizt, dass wir als Künstler die Möglichkeit hatten, ganz früh mit diesem Medium zu arbeiten", sagt Weis. "In ein paar Jahren wird das auch von der Filmindustrie geschluckt sein." Für ihre Regiearbeit nach dem Drehbuch des Schriftstellers Helmut Krausser ("Der große Bagarozy") konnten M+M sogar die Schauspielerin Barbara Rudnik ("Oktoberfest") als Claras Mutter begeistern. Gedreht wurde nicht mit einem Handy, sondern mit einer Digitalkamera. "Wir haben versucht, uns in die Ästhetik reinzuversetzen, haben es aber mit einer besseren Qualität gemacht", erklärt De Mattia.

Noch ist dem Film bei seiner ersten Aufführung anzumerken, dass die Technik nicht ganz ausgefeilt ist. Ton und Bild sind oft nicht synchron und zwischendurch klappt es nicht ganz mit der Übertragung. Auch die Handys mit großem Bildschirm gibt es so noch nicht zu kaufen - die Uraufführung läuft mit Prototypen. In Südkorea ist die Technik weiter - dort flimmern bereits Werbefilme und Kurzsketche über Handys. Mit Hilfe der speziellen Übertragungstechnologie "DVB-H" soll es auch in Deutschland bald so weit sein. Eine weitere Probe-Performance soll es bereits im September bei der Ars Electronica in Linz geben.

"Solch ein experimenteller inhaltlicher Umgang treibt die Technologie voran", sagt der Schweizer Forscher und Professor Gerhard Blechinger von der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Zürich, die das Projekt mit dem Mobilfunkanbieter Vodafone finanziert hat. "In ihrem nächsten Handy wird auch ein Fernsehgerät sein."

Das Filmfest München geht heute, Samstag, Abend mit der Verleihung der letzten Festivalpreise, dem Bayern 3 Publikumspreis und dem Kinderfilmfest Publikumspreis, zu Ende. Österreich war mit zwei Filmen von Andreas Horvath ("Views Of A Retired Night Porter" und "The Silence Of Green") sowie dem Kinderfilm "Karo und der liebe Gott" von Danielle Proskar auf dem Festival vertreten. Im Rahmen des Abschlussfests spielt die Wiener Tschuschenkapelle. (APA)

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