Luftig, leicht, bekömmlich

21. Juli 2006, 21:41
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Die Ausstellung "Körper Gesicht Seele" im Leopold Museum zeigt eine Mixtur von Frauenbildern aus sechs Jahrhunderten

Wien - Ein kühles Lüftchen - dieser Tage ist das eine Kostbarkeit: Seit in Wien der Asphalt glüht und selbst Klimaanlagen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen ist das Interesse an den erfrischenden Luftströmen, die die wild wirbelnden roten Taftkleider im Leopold Museum hervorrufen, merklich gestiegen. Für die vorübergehende Erfrischung in der Ausstellung "Körper Gesicht Seele" sorgt Ursula Neugebauers Installation tour en l'air.

Das Bild der Frau von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert, in einer die Chronologie positiv brechenden Hängung: Etwa von Sofonisba Anguissolas erstem weiblichen und auch signierten Selbstporträt (1554) bis zu Positionen von Eva Schlegel, Elke Krystufek oder Muntean/Rosenblum. Generell überwiegen aber - auch bei den Zeitgenossen - die männlichen Künstlerpositionen.

Ein bunt gewürfeltes Kaleidoskop aus der Kunstgeschichte, 150 Werke von 90 KünstlerInnen, ohne Anspruch auf typologische Vollständigkeit. "Streng genommen, kann man nicht sagen, dass die ,Frau'existiert", erklärt sogar eingangs ein Zitat der Psychoanalytikerin, Schriftstellerin und Philosophin Julia Kristeva.

Fest für das Auge

Und die Kuratorin, Sammlerin Elisabeth Leopold, erstmals höchstpersönlich federführend, unterstreicht: Man will "Streiflichter" zeigen und "vor allem ein Fest für das Auge" bieten.

Eine vorrangig hübsche, unterhaltsame Sommerausstellung mit hochwertigen und erlesenen Leihgaben aus großen Häusern (etwa National Gallery und Tate Modern aus London oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien) und Sammlungen (darunter Batliner und Essl). Aber erstmals werden auch Arbeiten aus der noch gänzlich privaten und im Aufbau befindlichen "Sammlung Leopold 2"gezeigt.

Eine Menge "schöner" Bilder jedenfalls, an denen sich die vielen ausländischen, vorrangig touristischen Besucher erfreuen können. Und - seien wir ehrlich - wer will in den Monaten ohne "R"im Namen schon allzu viel denken und nachgrübeln?

Zitate, etwa von Michel Houellebecq oder Rainer Maria Rilke, reichern die in Kapiteln organisierte Schau an: "Damen", "Akte", "Bäuerinnen, Mütter, Alte", "Kindheit &Pubertät", "Erotik", "Rebellion"oder "Identitätssuche". Große Meister wie Thomas Gainsborough, Gustav Klimt, Egon Schiele, Marc Chagall und Lukas Cranach finden sich einmal nicht in andächtiger Einzelhängung, sondern - überaus wohltuend - in durchaus unprätentiösen Nachbarschaften.

Spannungsvoll die Kombination von Louise Bourgeois ambutierter Frauenpuppe Femme Couteau(2002), von einem im Brustkorb verankerten Messer mit Selbstzerfleischung bedroht, mit der fast schon von Tarquinius erdolchten Lukretia (Hans von Aachen, ca. 1600). Oder aber die zarte Romantik der Verliebten in Arbeiten von Ernst Stöhr und Albin Egger-Lienz, die auf käufliche Liebe, Vergnügungswelten und inszenierte Sexualität bei Henri de Toulouse-Lautrec, Olaf Martens oder Bettina Rheims trifft.

Kopf- und willenlos

Am Ende des Parcours umwehen den Besucher nochmals die wohlgefällig in der Luft kreisenden Kleider: An ihrem Gestell aufgefädelt, willenlos an den Mechanismus der Zeitschaltung gebunden, suggerieren die kopflosen Torsi das Ideal unendlich langer Beine unter den Stoffbahnen: Assoziationen mit den Klischees von Schönheit, Passivität und Fügsamkeit zwingen sich auf. - Ein ironischer Kommentar auf nach wie vor gültige Männerphantasien? (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

  • Pubertät: "o.T. (How simple and dull)"von Muntean/Rosenblum.
    foto: leopold museum
    Pubertät: "o.T. (How simple and dull)"von Muntean/Rosenblum.
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