Noch gestern Abend hat sie ihre Schuhe, wie man es früher tat, vor die Tür gestellt

20. Juli 2007, 17:11
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"Lebensläufe", "Basisgeschichten" - sie prägen im Wesentlichen die literarische Arbeit von Alexander Kluge. Hier eine neue Geschichte

... aus seinem im September bei Suhrkamp erscheinenden neuen Buch "Tür an Tür mit einem anderen Leben".

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Auf dem Satellitenbild waren Kaltluftwolken arktischen Ursprungs gut zu erkennen. Sie reichten über Nordfrankreich bis nach Polen und wurden am Alpenkamm aufgehalten. Der Kaltluftnachschub aus Norden schien unbegrenzt. Das war für den Monat August eine ungewöhnliche Wetterlage.

Vor Ort herrschte am 7. August 2005 flächendeckend Nieselregen. Um fünf Uhr früh war im dritten Stock des berühmten Hotels (ein Bau aus dem Jahre 1914) ein Brand ausgebrochen. Bis zur Mittagsstunde war der Bau von innen heraus heruntergebrannt. Einsturzgefährdet und verwüstet lag die Immobilie in der Berglandschaft. Die sechsundneunzigjährige Frau, Roswitha R., stapfte mit den anderen geretteten Hotelgästen unter ihrem Regenschirm über die Wiesen vor der Brandstätte. In diesem Leben hatte sie sich vor den Pranken der Zeitgeschichte (mit Mann und Kind, später mit Enkeln und Urenkeln) schon oft gerettet oder war gerettet worden. Die Gäste und zuschauende Menschen, die hingekommen waren, behinderten die Feuerwehr. Die Gäste konnten nicht rasch in sichere Quartiere weggeschafft werden, da sie, zu so früher Stunde gerettet, das weitere Geschehen sehen wollten.

Ich friere leicht, die ganze Zeit über friere ich, sagte die alte Frau. Ich bin nur Haut und Knochen. Sie war aber neugierig und nicht von der Stelle zu bekommen. Sie weigerte sich, sich in einem benachbarten Landgut unterbringen zu lassen, duldete, dass man eine Decke um ihre Schultern legte.

In New York habe ich, sagte sie, bitterlich gefroren, die ganze Zeit nach der Einreise.

Mit 23 war sie Tänzerin. In einer Tanzgruppe, die sich auf Ausdruckstanz spezialisiert hatte. Vermögen vom Vater. Sie war und ist wieder Schweizer Bürgerin. Von Zürich kam sie 1932 ins rauschende Berlin.

Zweiter Preis in Paris für die Tanzgruppe. Einladung in das Casino de Bern. Dies war eher ein Unterhaltungstempel, das Publikum war Nackttanz gewöhnt. Die Ausdruckstänzer wurden ausgepfiffen. In der Schweiz, auf Grund direkter Nachbarschaft zum Dritten Reich, hielt sie es aus Gründen ihrer Rasse nach 1938 nicht mehr für sicher. Sie folgte ihrem Mann nach New York. Wie gesagt, war es dort kalt.

Ein Buick für 600 Dollar. Mit dem zweijährigen Sohn und ihrem Mann, einem Regisseur, der für Max Reinhardt gearbeitet hatte, Fahrt über den nordamerikanischen Kontinent zur pazifischen Küste. Ihr Mann konnte nicht Auto fahren, sie fuhr den Wagen. Für das Söhnchen keine Windeln im Auto, sondern ein Töpfchen.

Noch immer Schweizer Geld übrig. Sie kauften ein Haus in Santa Barbara, wo die deutschen Emigranten siedelten. Ihr Mann spielte in den Filmstudios die Bösewichte mit deutschem Akzent. Er war doppelt so alt wie sie und entstammte der k.u.k.-Welt. Er starb 1965. Seither verwaltete sie die Familienangelegenheiten. Ihr Sohn eröffnete eine Immobilien-Finanzierungsfirma. In der Familie ist immer nur eine Generation künstlerisch tätig, die nächste schon wieder geschäftlich. Der Sohn hat nicht aufgepasst, ist gestorben. Vier Bypässe. Aber er aß weiterhin zu gerne, gab sich Frauen hin. Auf die telefonischen Mahnungen der Mutter hörte er nicht. Sie war jetzt schon wieder in der Schweiz.

Aus zwei Ehen ihres Sohnes fünf Enkel (die zweite Frau schrecklich, voller Geldgier). Und von diesen fünf Enkeln sieben Urenkel. Das findet sich in der Welt verteilt.

Im Vorjahr Einbruch in ihrem Domizil. Zwei Cézannes und ihr ganzer Schmuck gestohlen. Sie hat geschlafen. Ist aufgewacht, fand das Fenster aufgebrochen, die Türen offen. Es war zwei Uhr nachts. Ihr ist nichts passiert, den Schmuck hat sie originalgetreu neu anfertigen lassen. Sie hat die Wohnsitze wechseln müssen, den Juwelier nie. Schmuck am Finger, an den Ohren. Ebenfalls im Vorjahr fiel sie rücklings in die Badewanne. Ein Augenblick der Orientierungsschwäche. Die Ärzte kümmerten sich um ihre gebrochene Schulter. Den Bruch des Unterarms bemerkten sie in ihrem Eifer nicht. Danach, auch in einem Moment der Schwäche, der Oberschenkel.

Manchmal ist sie abends müde. Es ist ein hohes Alter, sagt sie. Wenn sie die Orientierung auf einen Moment verliert, steuert sie auf Menschen zu, gleich, ob sie diese kennt, und beginnt aktiv zu sprechen. So täuscht sie "Orientierung" vor. Solange sie spricht, hält sie sich für lebendig. Ich könnte auch aufhören, allmählich, sagt sie. Das ist nicht ernst gemeint.

Neu eintreffende Ordnungskräfte fangen die Hotelgäste einzeln ein. In einem Zwischenstockwerk des Hotels ist der Brand, der bereits gelöscht schien, erneut ausgebrochen. Auch die alte Dame wird zu einem der Fahrzeuge geführt. Gerettete werden in einer Reitschule, in der Nähe und in einem Landgasthaus untergebracht. Erst diese Unterbringung dokumentiert die "Notsituation". Ich habe nur meine Kleider verloren, sagt die alte Dame. Was Wert hat, trägt sie am Körper.

Sie sitzt in der für Notaufnahme umgerüsteten Reitschule auf einem Klappstuhl. Wie eine Vertriebene, sagt sie spöttisch. Sie ist aus Europa geflüchtet seinerzeit. Das sah nicht so dekorativ aus wie die "Notaufnahme" hier, wo tatsächlich, sagt sie, keine Gefahr besteht. Als damals die echte Gefahr bestand (die Gefahr hat dann allerdings die Schweiz nicht wirklich erreicht, es blieb potentielle Gefahr), fuhren wir auf einem Dampfer der Luxuslinie Genua - New York wie in einem Grand-Hotel.

Sie muss die Eindrücke der vielen Jahre, auch die Daten der Geburtstage ihrer Urenkel, aufschreiben, um nichts zu übersehen. Es entsteht ein ungeheurer Wirrwarr aus unterschiedlichen Eindrücken, wenn sie auf diese Jahre zurückblickt.

Die Wirklichkeit, das sind die Tücken des von ihr bewohnten Zimmers (es ist ja jetzt durch die Notaufnahme ersetzt). Sie darf die Wände und Ecken dieses Zimmers nicht mit einem der anderen Zimmer verwechseln, die sie schon bewohnte. Sie sieht (mit ihren aufmerksamen grauen Augen) nicht mehr scharf. Jede Sekunde pulst das Blut einmal durch den schmalen Körper.

Sitzt sie am Esstisch mit einem ihrer Enkel, ragt sie nur halb so hoch wie die anderen über die Tischkante. Sie sieht dann aus wie ein Kind. Ihr Gesicht nahe der Tischkante. Hier aber, im umgerüsteten Reitstall, ist weit und breit kein Esstisch vorhanden. Auch keine Zimmerecken oder in den Raum ragende Hindernisse, vor denen sie sich vorsehen müsste. So sitzt sie in dem weiten Raum in Sicherheit. Noch gestern Abend hat sie ihre Schuhe im Hotel, wie man es früher tat, vor die Tür gestellt. Inzwischen werden die Schuhe, die vor die Tür gestellt werden, nicht mehr geputzt. Auch nicht in Hotels der Spitzenklasse. Die Schuhe sind nun auch verloren. Sie trägt die Nachtpantoffeln, in denen sie sich kurz nach fünf Uhr früh rettete. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist als Autor, Filmemacher und Wegbereiter des Neuen Deutschen Kinos ebenso einflussreich wie als Gestalter der unabhängigen TV-Kulturmagazine in Vox und Sat.1. Zu seinen Hauptwerken zählt das Stalingrad-Buch Schlachtbeschreibung. Mit Oskar Negt publizierte er etwa das philosophische Kompendium Der unterschätzte Mensch. Das gesammelte erzählerische Werk erschien als Chronik der Gefühle bei Suhrkamp. Es folgte Die Lücke, die der Teufel lässt. Im September erscheint Tür an Tür mit einem anderen Leben.
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