Flüchtlinge: Private helfen, der Staat ist überfordert

21. Juli 2006, 20:54
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Regierung von Flüchtlingswelle unvorbereitet getroffen

Sie nennen sich Sumudun und leisten Widerstand (Sumud), indem sie sich für die Flüchtlinge engagieren. Am Anfang ihrer Aktion stand ein Sit-in auf dem Märtyrer-Platz gegen Syrien. Das war am Tag der Entführung der beiden israelischen Soldaten. Aus dem Sit-in wurde dann nahtlos eine Hilfsoperation dieser meist jungen Aktivisten, die alle aus säkularen linken Gruppierungen stammen und im Kulturhaus Zicco im Stadtteil Saniyeh ihre Zentrale eingerichtet haben.

In dem kleinen Garten stapeln sich Hilfsgüter. Die gan-ze Aktion macht einen sehr professionellen Eindruck. Bassem Shit ist einer der Koordinatoren. "Wir haben eine humanitäre Katastrophe und die Regierung macht nichts", lautet seine Lagebeurteilung. "Sie be-straft die eigenen Leute, weil sie mit der Hisbollah nicht einverstanden ist, das ist Rassismus."

Sumud betreut derzeit zwischen 8000 und 12.000 Flüchtlinge, die in 28 privaten Schulen untergebracht sind. Die Menschen erhalten dreimal täglich Essen, hin und wieder auch ein warmes, je nachdem, was die Spenden hergeben. Sumud verfügt auch über ein medizinisches Team. Hisbollah und Tayyar (von Christenführer Michel Aoun), mit denen sich Sumud abspricht, gehören daneben zu den aktivsten nicht-staatlichen Gruppierungen in der Flüchtlingshilfe.

Shit schätzt die Zahl der Vertriebenen auf 600.000. Das seien zu viele, als dass private Initiative reichen würde. "Diese Katastrophe macht auch das gewaltige Armutsproblem sichtbar, das der Libanon hat. Diese Menschen, die in den Schulen unterkommen, leben von der Hand in den Mund und haben keine Mittel, sich selbst zu unterhalten", erklärt der Sumud-Koordinator.

Die Regierung wurde von der Flüchtlingswelle unvorbereitet getroffen. Notfallpläne gab es keine. Sozialministerin Nayla Mowad nennt niedrigere Zahlen als internationale Organisationen. Höchstens 300.000 Menschen seien auf der Flucht, davon etwas über 100.000 in den staatlichen Zentren. Die Regierung ist nun dabei, weitere Unterkünfte zu schaffen. Das größte Problem seien Bomben auf Hilfs-Lkws und eine Milchfabrik, die Babynahrung herstellte. Immerhin in der Lagebeurteilung stimmt Mowad mit den Privaten überein, auch sie spricht von "humanitärer Katastrophe". (Astrid Frefel aus Beirut/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. Juli 2006)

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    Ein zerstörtes Haus in Sidon, der Frau bleibt nur die Flucht.

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