Wiederaufbau statt Wirtschaftsreform

21. Juli 2006, 20:54
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Im Libanon gehen die Schäden durch die israelische Offensive in Milliardenhöhe

Beirut - Nach zehn Tagen israelischer Offensive gehen die Schäden an Libanons Infrastruktur in die Milliardenhöhe. Sie dürften "mehrere Milliarden Dollar"betragen, sagte Finanzminister Jihad Asur am Donnerstag. Den Schaden genau zu beziffern, sei aber unmöglich, weil die Zerstörungen stündlich weiter gingen,

Abgesehen von den direkten Schäden sind die Verluste im Tourismussektor unmittelbar fühlbar. Cafés, Bars, Restaurants und Hotels in Beirut sind leer. Dabei hatte die Hochsaison eben erst begonnen und ein gutes Geschäft versprochen: Im ersten Halbjahr 2006 war die Zahl der Touristen um 24 Prozent gestiegen.

Neben dem Tourismus ist der Immobiliensektor ein wichtiger Pfeiler der libanesischen Wirtschaft. Beide Branchen reagieren äußerst empfindlich auf politische Instabilität - und beide hatten durch den Mord an Ex-Premier Rafik Hariri im Februar 2005 schon einen empfindlichen Schock erlitten. Zwischen 600 Mio. und 1,5 Milliarden Dollar (473 Mio bis 1,2 Mrd Euro) an ausländischen Geldern flossen damals ab. Auch der ausländische Kapitalzufluss hatte sich merklich verlangsamt.

Erste internationale Ratingagenturen haben schnell reagiert und das Land bereits zurückgestuft, also die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten schlechter bewertet. Damit muss der hochverschuldete Libanon für Ausstände noch höhere Zinsen bezahlen.

Versorgungsnot

Die Blockade und die teilweise Zerstörung des Flughafens und der Seehäfen wirken sich schon jetzt dramatisch auf die Versorgung aus. Der Libanon ist ein Land, der praktisch alles einführen muss, insbesondere den Treibstoff.

Der Strom wurde bereits rationiert, was aber nichts Ungewöhnliches ist: In manchen Stadtteilen gibt es auch in Friedenszeiten nicht rund um die Uhr Elektrizität. Als erste sagte die syrische Regierung konkrete Unterstützung zu. Sie schickt mehr Strom durch das Netz zu ihrem Nachbarn und öffnete alle Häfen, Flughäfen und Straßen für Hilfsgüter, ohne diese mit Steuern und Gebühren zu belasten. Erste finanzielle Hilfe in Höhe von 90 Millionen Dollar (71 Mio Euro) haben Saudi-Arabien und Kuwait versprochen

Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora hatte in den vergangenen Monaten ein Programm von umfassenden Wirtschafts- und Strukturreformen zusammengestellt, das das Wachstum ankurbeln und die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern hätte verringern sollen. Jetzt werden die Prioritäten allerdings anders gesetzt werden müssen: Die Staatseinnahmen werden schrumpfen und nicht Wirtschaftsreform, sondern Krisenmanagement und Wiederaufbau werden an erster Stelle der Agenda stehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. Juli 2006)

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