Die Ballerina ist ein Android

28. Juli 2006, 13:33
posten

Ein Abend des Balletts der Pariser Opéra National in Graz

Graz - Das Ballett ist noch immer die Tanztechnik und Körperästhetik, mit der die europäische Kultur auf sich selbst, soll heißen, auf seine einstige aristokratische Struktur hinweist. Unter diesem Aspekt ist es der Architektur verwandt, von deren vordemokratischer Präsenz alle europäischen Städte geprägt sind. Diesen Selbstverweis enthält auch der Ballettabend Solisten der Pariser Oper (Die neue Generation), der bis diesen Samstag beim Grazer Tanzsommer im Opernhaus zu sehen ist.

Dass sich auch außereuropäische Kulturen das Ballett angeeignet haben und dass es während der Zeit des Kommunismus etwa in der Sowjetunion und bis heute auf Kuba gehegt und gepflegt wurde, dokumentiert seine interkulturelle und "interideologische"Relevanz. Das könnte Grund genug dafür sein, das Ballett auch als Teil der Gegenwartskultur neu zu untersuchen. Der aus elf Stücken - von Bournonville, Nurejew, Béjart, Balanchine und einigen jüngeren Choreografen - zusammengesetzte Abend liefert dafür einige brauchbare Ansätze.

Das von Compagniechefin Brigitte Lefèvre zusammengestellte Programm des Ballet de l'Opéra National de Paris verklammert dabei das 19. mit dem 21. Jahrhundert. Dabei zeigt sich eine Kontinuität vom entrückten aristokratischen Körperideal bis hin zum heutigen Designerkörperkult.

Tanz: Technik

Die Ballerina verkörpert die vielleicht früheste Form des Androiden. Weniger in ihren Rollen, wie zum Beispiel Coppélia, sondern viel konkreter in der vollständigen Durchdringung des Körpers durch die (Tanz-)Technik. Das zeigt die Solistin Dorothée Gilbert sehr eindrucksvoll in ihrer Interpretation der Odette. Sie bleibt sichtlich distanziert zu ihrer Rolle und entblößt diese als technisches Konstrukt.

Im weiteren Verlauf des Programms löst sie diese Haltung auf. Erst bei Ben Stevensons Trois Préludes Rachmaninoffim Duett mit Alessio Carbone, das mit dem Trainingswerkzeug Ballettstange einsetzt, und schließlich in einem Duett von Balanchine zur Musik von Gershwin gipfelt. So deutet sie die Position der Tänzerin zwischen posthumanem Androiden im klassischen Ballett und spektakulärem Unterhaltungsavatar in der Moderne an. Genauso spannend ist die Darstellung des Männerkörpers, weil dabei vor allem mit dessen Genderrepräsentation gespielt wird.

Das Ballett trickst das Klischee von der maskulinen Funktionsmaschine aus und verleiht der männlichen Erscheinung eine unerhörte, Leichtigkeit und Androgynität. Viril bleibt der Ballerino bei Schwanenseein der Rolle des Rotbart, feminin wird er stets in der Rolle des Siegfried. Dazu erhält er einen unverkennbaren homoerotischen Touch, wie ihn Alessio Carbone in Béjarts Arepooder Matthias Heymann in Balanchines Stars and Stripesin verschiedene Darstellungen fassen.

Brigitte Lefèvres Kuratierung zeigt einen kleinen Ansatz für eine diskursive Neupositionierung des Balletts. Ihr Ziel war es, die Verbindung zwischen Romantik, Expressivität und jazziger Vitalität und so die Bandbreite ihrer jungen Tänzer zu zeigen. Sie weist nach, auf welch hohem Niveau sich deren Potenzial bewegt. Eine schöne Leistung. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

Share if you care.