Bunte Farben und viel Feuer

21. Juli 2006, 22:16
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Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis "Troubadour" bei den Bregenzer Festspielen

Bregenz - Die Opernkulissen auf der Seebühne werden in ihrer jeweils zweijährigen Omnipräsenz mit schöner Regelmäßigkeit so etwas wie temporäre Wahrzeichen der Festspielstadt. Leicht verblasst daneben der Martins-turm in der Oberstadt, das eigentliche Wahrzeichen, gegen den Aufmerksamkeitsmagneten am See - obwohl auch in diesem Ambiente im Rahmen der Festspiele Theateraufführungen stattfinden.

Umso mehr ist dies der Fall, wenn der Blickfang wie das aktuelle Bühnenbild zu Verdis Troubadour ganz von einer Signalfarbe geprägt wird: Zur Gänze feuerrot hat Paul Steinberg die Ölraffinerie gehalten, die in der Inszenierung von Robert Carsen als Truppenübungsplatz ebenso herhalten muss wie als Parkett für die feine Gesellschaft oder auch für weniger feine gesellschaftliche Ausformungen einer faschistoiden Bananenrepublik.

Ein mikroskopisches Staatsgebilde verkörpert das Bühnenbild aus Schornsteinen und einem labyrinthischen Rohrwerk wohl am ehesten - ein Gebilde allerdings, in dessen Innerem es beständig arbeitet und ächzt. Äußere Anzeichen dafür sind die unablässig Feuer speienden Öffnungen und Schlote, die im Musikrhythmus aktiviert werden. 100 Anspielungen an Feuer hat Carsen im Libretto entdeckt und sich weidlich bemüht, diese szenisch noch zu übertrumpfen:

Kein Musikakzent, fast kein verminderter Septakkord, der nicht mit einer Stichflamme wie ein überdimensioniertes Sforzato betont würde. Das reicht von den Paukenwirbeln der Ouvertüre bis zur Klimax beim Schlussakkord und führt zu vielen Ahs und Ohs, verbraucht sich allerdings rascher, als diese Effekte gesteigert werden können.

Überhaupt ist die Verhältnismäßigkeit von Mitteln und Zwecken bei der Seebühne ein Grundproblem, für das auch Carsen kein Allheilmittel hat: Zwar führt er sein Liebespaar wirkungsvoll über die Ebenen und lässt Manrico (passabel: Carl Tanner) aus windiger Höhe singen, so dass womöglich auch dem Tenor nicht klar wurde, ob er vor dem Abgrund oder der Partie mehr Angst haben sollte. Zwar lässt er Leonora (strahlend: Iano Tamar) und Graf Luna (solide: Zeljko Lucic) oft jenen Ort zwischen Bühne und Wasser aufsuchen, an dem der Müll wieder zu grünen beginnt. Auch verspricht er sich einiges vom Spiel mit Farbgegensätzen: Blau sind im Gegensatz zum beherrschenden Rot die Soldaten-Arbeiter, ebenso wie die von Fabio Luisi mit flexiblem Atem, mit Eleganz und Verve geführten Symphoniker.

Das alles sind reizvolle, doch auch bald ausgereizte Effekte - und spätestens, wenn die Zigeuner-Rebellen in ihren bunten Kostümen von Miruna Boruzescu auftauchen und endlos im Takt gegen die gräflichen Mauern hämmern, trägt das Konzept nicht mehr weiter, genauso wenig, wie die Außenseiterfigur der Azucena (eindringlich: Larissa Diadkova) mit wirrem Haar schlüssig gezeichnet ist. Während man der Produktion gewiss Unterhaltungswert und Funktionalität nicht absprechen kann, verpufft ihr Kunstwert ebenso schnell wie die letzten, blendenden und eine Welle von heißer Luft über die Tribüne jagenden Feuerzungen. (Daniel Ender, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

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    In Bregenz, dominiert die Opulenz: Giovanni Battista Parodi (als Ferrando).

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