"Zu gut, um wahr zu sein": Quanten-Elite traf sich in Innsbruck

28. Juli 2006, 17:41
posten

20. Internationale Konferenz für Atomphysik

Innsbruck - In Innsbruck sollen schon "in ein paar Jahren" mithilfe der dortigen Quantenphysiker Unternehmen im Bereich der Quantentechnologie gegründet werden. "Ich möchte dafür eine Triebfeder sein", sagt der Experimentalphysiker Rainer Blatt, Direktor des Innsbrucker Akademieinstituts für Quantenoptik und Quanteninformation, am Rande der 20. Internationalen Konferenz für Atomphysik (ICAP), die Blatt erstmals nach Österreich holen konnte.

"Wir können heute im Bereich der Präzisionsspektroskopie Messtechniken für Zeit und Frequenzen anbieten, die wesentlich genauer sind als die heutigen Atomuhren", sagt Blatt im Gespräch mit dem Standard. Die "optischen Uhren", die mit der Frequenz von Licht schwingen, könnten für das satellitengestützte Navigationssystem GPS verwendet werden: Die langen Distanzen zu und von den Satelliten erfordern extrem präzise Messtechniken. "Halböffentlich finanziert"denkt sich Blatt die neuen Unternehmen, die "im Umfeld"des Innsbrucker Technik-Campus entstehen sollen, zunächst auf den Bereich der Metrologie beschränkt.

Theodor W. Hänsch vom Max-Planck-Institut in Garching bei München, einer von acht Nobelpreisträgern, die diese Woche bis Freitag beim Treffen der Quanten-Elite in Innsbruck anwesend waren, hält diese neue Generation von Atomuhren für "zu gut, um wahr zu sein". Er sieht als Anwendungsgebiete auch die Telekommunikation, Raumsonden oder Flugzeuge.

Hänsch ist der Erfinder des Frequenzkamms, mit dem die Lichtfrequenzen unter Zuhilfenahme von Interferenzen wesentlich genauer bestimmt werden können. Die neue Messtechnologie erlaubt auch eine noch präzisere Bestimmung von Naturkonstanten und öffnet damit Raum für radikale Fragestellungen: "Sind Naturkonstanten auf Dauer konstant, hatte Einstein tatsächlich Recht gehabt?", fragt Hänsch. Rainer Blatt ist überzeugt, "dass sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine neue Quantentechnologie entwickeln wird, die die Welt ähnlich grundlegend verändern wird wie die Mechanisierung im 19. und die Elektrifizierung im 20. Jahrhundert".

Neue Pläne hat Blatt auch für das Innsbrucker Akademieinstitut. "Wir müssen uns jetzt nach den ersten drei Jahren, in denen wir uns konsolidiert haben, intensiv der Nachwuchsförderung widmen", sagt Blatt. Konkret denkt der Institutschef an die Gründung von betreuten Juniorgruppen, die experimentell und theoretisch arbeiten, aber mit abgesicherten Stellen. Derzeit sei die Situation für junge Forscher unbefriedigend: "Sie sollen selbstständig arbeiten, lehren, forschen, wissenschaftlich konkurrenzfähig sein, alles ohne fixe Anstellung. Das ist viel verlangt."

Die finanzielle Absicherung solcher Juniorgruppen sei noch völlig offen, sagt Blatt. Er sei aber ebenso für eine "sehr strenge Evaluation"nach weiteren drei Jahren Tätigkeit des Institutes: "Man kann dann auch zum Schluss kommen, dass man gewisse Dinge nicht mehr perpetuiert. Wir stellen uns jedem Vergleich." (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 7. 6. 2006)

Share if you care.