Klangbogen: Amüsante Mozart-Wirren im Hotel

27. Juli 2006, 14:23
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Mit einem erfreulich frischen neuen "Don Giovanni" wartete das diesjährige "Klangbogen" -Festival

Mit einem erfreulich frischen neuen "Don Giovanni"wartete das diesjährige "Klangbogen"-Festival im Theater an der Wien auf. Sowohl Keith Warners humorvolle Inszenierung als auch die von Bertrand de Billy betreute musikalische Wiedergabe stießen auf freudige Zustimmung.

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Wien - Der am meisten willkommene Ton des Klangbogens, sofern sich dieser über das Theater an der Wien wölbt, ist an Tropentagen wie diesen zweifellos das an sich störende Sirren der zum Glück tatsächlich mit respektabler Effizienz funktionierenden Klimaanlage. Womit nicht gesagt sein soll, dass die Töne, die das Radio-Symphonieorchester und die Solisten unter Betrand de Billys Leitung im Verlauf der Don-Giovanni-Premiere am vergangenen Donnerstag von sich gegeben haben, sich nicht auch recht gut anhörten.

Manchmal eigentlich zu gut. Wer im Parkett links ganz vorn zu sitzen kam, der musste sich schon sehr disziplinieren, um nicht bei jedem Paukenschlag von seinem Sitz hochzufahren - was nebenbei auch im Hinblick auf die folternd eng angeordneten Sitzreihen wenigstens einige Sekunden lang für Schmerzlinderung im Kniebereich gesorgt hätte.

Erfreulicherweise aber wurde all diese körperliche Ungemach durch den Charme dieser insgesamt geglückten Produktion über den Großteil des Abends hinweg vergessen gemacht. Und dies vor allem deshalb, weil sich das szenische und das musikalische Niveau, was Frische und Präzision anlangt, auf erfreuliche Weise die Waage halten.

Leporello als Portier

Der britische Regisseur Keith Warner hatte die ulkige Idee, die Handlung in ein Hotel (Ausstattung: Es Devin) zu verlegen, an dessen Rezeption Leporello als Portier unter seinem erotomanischen Chef zu leiden hat.

Zum Glück fallen Warner dazu viele nette Details ein. Während der Registerarie etwa öffnen sich abwechselnd die Türen zu den beiden Aufzügen, in denen dann jeweils zu den gerade in Rede oder besser in Gesang stehenden Ländern und deren Damen stimmige lebende Bilder sichtbar werden.

In den szenischen Mitteln ist Warner freilich nicht wählerisch und nimmt mitunter auch beim Schülertheater deftige Anleihen. Oder, wie bei Don Giovannis in einem Glassarg stattfindender und mit reichlich Blut verschmierter Höllenfahrt, beim guten alten gruseligen Splattermovie. Womit diese der Wiener Fassung folgende Aufführung unter Verzicht auf das übliche Schlussensemble auch endet.

Dass solche Schauplatzverlagerungen, so lustig sie auch sein mögen, immer nur über begrenzte Strecken einer Aufführung funktionieren, liegt auf der Hand, fällt aber in diesem Fall nicht sonderlich ins Gewicht. Schon mehr erstaunt das gesellschaftliche Upgrading der Hotelbediensteten während der Party anlässlich von Zerlinas Verlobung mit Masetto: Nach und nach präsentiert sich nämlich das einfache Gesinde zumindest kostümografisch recht deutlich als Upperclass. Da Logik schließlich nicht die erste Tugend der Oper ist, hält man sich auch im Fall dieses Don Giovannibesser an die Musik. An Hanno Müller-Brachmanns wendigen, darstellerisch wie musikalisch gleich überzeugenden und interessierenden Leporello.

Seiner ganz und gar unaufgeregten und gerade deshalb so dominierenden Eindringlichkeit konnte Gerald Finley als humorvoll wendiger Gestalter der Titelpartie erfreulicherweise mit festem Bariton durchaus gegenhalten. Ebenso wie auch Attila Jun als Commendatore seine rollenbedingte Brüchigkeit stimmlich überzeugend konterkarierte. Daneben nahm sich, anders als Markus Butters passabler Masetto, Mathias Zachariassens Don Ottavio - wie so oft im Don Giovanni - schon eher wie ein auch von der Inszenierung merklich im Stich gelassenes Mauerblümchen aus.

Bravouröse Zerlina

Wäre die für ihre Musikalität bekannte US-Außenministerin gegenwärtig nicht mit Wichtigerem beschäftigt, hätte man fast meinen können, sie versucht sich unter dem Pseudonym Adriane Queiroz als temperament- und schönste Töne sprühende Zerlina. Ihr konnte ausschließlich Myrtò Papatanasius in Spiel und Gesang gleich bravouröse Donna Anna gleichziehen, neben der Heidi Brunner als Donna Elvira vor allem im zweiten Akt deutlich überfordert wirkte. Daran konnte auch die sensible Rück- und Umsicht nichts ändern, mit der Betrand de Billy Rhythmik und Dynamik des Orchesters bestens zu schattieren wusste. (Peter Vujica, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

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    Ein filmreifer Tod des Commendatore in der Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni"im Theater an der Wien. Foto: APA/Bradel

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