Konzentrate der Emotion

20. Juli 2007, 17:11
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Was könnte das bedeu­ten, mit Alexander Kluge im Rahmen der Salz­burger Festspiele die Tiefen von Schlagern auszuloten und vor allem ernst zu nehmen?

Anmerkungen von Fritz Ostermayer

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Unlängst am Telefon - wir steckten gerade Themenfelder ab und kreisten Schlager-Epochen ein - fragte mich Alexander Kluge plötzlich: "Sollten wir vielleicht auch über besinnungsloses Glücklichsein sprechen?" - Na prack, das mir, dem ewigen Stöberer nach besinnungslosem Unglück in allen tragischen Gattungen. Ich muss wohl kurz gestockt haben, denn Kluge setzte gleich nach: "Das gibt es ja auch, das schiere Überschnappen vor Glück." Ich hätte so gern um ein einziges Beispiel im Musikalischen gebeten, aber ich traute mich nicht, schon aus Angst, dieses Belegstück himmelhoch jauchzender Euphorie dann nicht zu kennen.

Besinnungslos glücklich - so mutmaßte ich nach dem Telefonat - sind sie am Ende doch nur in Harald Serafins sommerlichem Mörbisch-Delir, all diese durchgeknallten Soubretten und Buffos im Irrwitz namens Operette. Ist es nicht dem reinen Tor vorbehalten, in die Gnade dieser glückseligen Raserei fallen zu können? Oder einem frisch Verliebten, der freilich eh dem Trottel näher steht als sonst wer?

Glück gehabt, sagte ich zu mir, dass sich Herrn Kluges Enthusiasmus bei meiner Erwähnung der Elektronik-Pioniere Kraftwerk rasch in eine ganz andere Richtung ergoss: "Ich liebe Techno", jubilierte der Glückssucher nun am anderen Ende der Leitung.

"Magazin des Glücks – Salon zur Erforschung der Grundlagen des Komischen" – so nennt sich eine Veranstaltungsreihe im Rahmen der Salzburger Festspiele, die in Gesprächen, Lesungen und theatralischen Inszenierungen das Komödienthema des heurigen Schauspielprogramms ergänzen und spiegeln soll.

Alexander Kluges Gesprächspartner: u. a. der große Nikolaus Harnoncourt, der große Helge Schneider, der große Satanologe Josef Dvorak und Martin Kusej, der Schauspieldirektor der Festspiele höchstselbst. Und ich. Wenn es sich um keine Verwechslung handelt, denn an eine solche dachte ich im ersten Moment.

Ich konnte nur als Antidot eingeladen worden sein, als Gegengift, das dem Glücksschwelgen die Substanz zu nehmen trachtet und es schwächt durch obsessives Besudeln mit Unglücksfällen aller Art. Doch Alexander Kluge wusste bereits am Telefon von meinen Leidenschaften "Trauermärsche", "Todesschlager" (gern: "Tod nach Discobesuch") und "Depressionsballaden" im countryesken Kleidchen. Also keine Verwechslung.

"Wir werden von den großen Gefühlen und Affekten sprechen müssen, Herr Ostermayer, die in ihren Lieblingsmusiken stecken." "Aber ohne jede studentische Ironie, Herr Kluge, wir müssen den Schlager ernst nehmen." "Selbstverständlich! Um Himmels willen, das ist unsere Basis. Diese Lieder verdienen es, dass man sie ganz ernst nimmt." Ab diesem Moment gesellte sich zu meiner jahrelangen Bewunderung für Kluge eine leichte Verliebtheit ...

Den als abgesunkenes Kulturgut verrufenen Schlager ernst nehmen, heißt, ihn auch als Tragödie lesen zu dürfen, heißt, dieses vermeintliche Magazin des (kleinen?) Glücks auf seine manchmal Tod bringende Munition zu untersuchen. Nehmen wir nur Wahnsinn – werde ich vielleicht zu Kluge in Salzburg sagen – einen späten Schlager von Roy Black, getextet von der Ein-Frau-Schlagermanufaktur Irma Holder. Nehmen wir nur die ersten beiden Zeilen:

Manchmal da beneid ich schon die Sonne, wenn sie zärtlich dein Gesicht berührt. / Nachts wünsch ich mir oft in deinen Armen, dass es draußen nie mehr Morgen wird.

Da ist also ein manisch-depressiver Liebender auf die Sonne eifersüchtig und sehnt sich in Tradition der Schwarzen Romantik nach ewiger Nacht, auf dass die Liebste nie mehr seiner Umklammerung entrinnen kann. Das ist nicht mehr pathetisch, sondern längst schon pathologisch. Und weiter:

Jeder Atemzug und jedes Lächeln, alles, was du bist, will ich für mich, / und ich halte dich gefangen mit Gefühlen, und ich sag zu oft zu dir: ich brauche dich.

Atemberaubend, wie sich der Gefühlsterrorist vom Opfer zum Täter häutet, aber dennoch das Betteln um Liebe nicht lassen kann. Eine im Gesangsgestus grotesk brav, also schlagerkonform gesungene Panikattacke ist das. Der Refrain nimmt es mit jeder Wahnsinnsarie auf:

Wahnsinn! Wahnsinn, dich so rücksichtslos zu lieben. / Wahnsinn, dich als einen Teil von mir zu seh'n. / Wahnsinn, diese Angst dich zu verlieren, / sicher wirst du deshalb einmal geh'n.

Zum Mord aus vorauseilender Eifersucht klafft hier nur noch Die Lücke, die der Teufel lässt (so der schöne Titel von Alexander Kluges letztem Erzählwerk). Gegen diese Anleitung zum Unglücklichsein nimmt sich Joy Divisions Entfremdungsklassiker Love Will Tear Us Apart (übrigens ein Lieblingssong von Roy Black als Schizo zwischen den Welten) wie ein fröhlich gepfiffener Gassenhauer aus.

Dumme Schlager halten es mit Leibnitz und möchten uns die Welt als die beste aller möglichen Welten verkaufen. Nicht ganz so dumme Schlager stimmen philosophisch mit Hegels Fortschrittsmetaphysik überein, dass die Weltgeschichte "Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit" ist, wodurch diese Schlager zumindest noch eine Utopie von Glück (in der Ferne, in der Heimat, bei seinem Schatz) bereithalten, die freilich – nach Adorno – "die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben", befriedige. Ersatzbefriedigung also. Ersatzglück.

Die wenigen göttlichen Schlager aber singen den Cioran-Blues Vom Nachteil, geboren zu sein, also vom Unglück im Unglück ohne Ersatzbefriedigung. Kein Aufmunitionieren des Glücksmagazins kann diese Barden zum Aufgeben zwingen, denn gerade im Unglück finden sie ihr Glück. So einer, z.B. Christian Es fährt ein Zug nach Nirgendwo Anders, nimmt Christus gleich das (Schlager-)Leid auf sich, stellvertretend für und gleichzeitig teilend mit uns Teilzeit-Existenzialisten, die wir unser Glück auch im gezähmten Unglück der Musik suchen und finden.

In der Not lässt sich sogar aus scheinbar unbeschwerten Wald-&-Wiesen-Melodien der Rahm der Wehmut abschöpfen, sogar wenn diese anmutig im antiken Elektro-Beat antanzen und ganz ohne Worte auskommen. Nehmen wir nur Kraftwerks Ohm Sweet Ohm – werde ich vielleicht zu Alexander Kluge sagen –, ein frühes Rührstück der deutschen Meister, dessen unschuldige Anmutung an Reigentänze des Biedermeier erinnert. Nach dem melancholischen Brummgesang-Intro, in dem die Roboterstimmen immer nur die drei Worte des Titels wiederholen, um bald darauf im Schweigen zu versinken, taucht eine monofone Kirtagsorgel-Melodie aus dem nebelverhangenen Wiesengrund auf und dreht sich leicht behäbig zum Takt der Beatbox im Kreis. Die Stimmung: postalkoholische Tristesse. Bald folgt die lang schon erwartete Überraschung: Eine zweite Instrumentalstimme gesellt sich zur ersten – in Terzen! Der typischen Schmalz-Terz des Schlagers, die nach unten transponiert zur millionenfach bewährten Schmalz-Sext mutiert und Kraftwerk hier zu elektronischen Volksmusikanten adelt. Und Ohm Sweet Ohm zum bittersüßesten Ringel, Ringel, Reia seit Franz Schuberts Coverversion des Erlkönigs.

Diese und jede andere Schlagermaschine – der Schlager ist nichts anderes als eine Wunsch- und Angst-Maschine – funktioniert jenseits meiner Rationalität. Gegen Gänsehaut hatte nicht einmal Adorno etwas einzuwenden, gesteht er doch zu, dass "die Gänsehaut das erste ästhetische Bild" sei, "eine vorkognitive ästhetische Erfahrung". Ein paar Tränen kommen dazu, damit die Maschine wie geschmiert läuft. Das meint der Radioprediger in mir, wenn er so oft von "süßer Melancholie" daherschwadroniert. Und das meine ich, wenn Alexander Kluge mich vielleicht nach den komischen Aspekten meines Magazin des Unglücks fragen wird: Ist es nicht auch ein komisches Glück, welches mich jedes Mal überfällt, wenn ich einen neuen, mir bislang unbekannten Trauermarsch geschenkt bekomme? Ist es nicht auch komisch, die Secondhand-Plattenläden nach Schlagern, "in denen jemand stirbt", abzugrasen und dann vor Glück schier jauchzen zu müssen, wenn ich wieder einmal einen solchen Schatz heben durfte?

Glück gehabt, werd ich mir denken, wenn ich am 30. Juli gegen Mittag die A1 bei Salzburg verlasse, um bald mit Kluge zu sprechen. Glück gehabt: Kein Geisterfahrer fuhr mich über den Haufen, kein Lkw-Anhänger begrub mich unter sich. Manchmal und ganz banal ist Glück nur die Abwesenheit von Unglück. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.7.2006)

Zur Person
Fritz Ostermayer
, der große Liebende und Melodramatiker unter den heimischen Radiomachern (unverzichtbar: "Im Sumpf" auf FM4), wird am 30.7. um 21.00 Uhr im ICT&S Center mit Alexander Kluge über "Hochverdichtete Gefühle" sprechen.
Nachher wird er unter dem Motto "Kirtag und Narkose" als DJ aktiv. Die Veranstaltung wird eine Woche später auf FM4 ausgestrahlt.
  • Martin Kusejs "Höllenangst"-Inszenierung - Salzburger Festspiele im Landestheater
    foto: salzburger festspiele/hans jörg michel

    Martin Kusejs "Höllenangst"-Inszenierung - Salzburger Festspiele im Landestheater

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