David Almond: "Zeit des Mondes"

21. Juli 2006, 17:00
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"Schreiben kann schwierig sein, aber manchmal fühlt es sich an wie eine Art Zauber", bekennt David Almond

"Schreiben kann schwierig sein, aber manchmal fühlt es sich an wie eine Art Zauber", bekennt der englische Autor David Almond. Bei seinem ersten Kinderbuch "Zeit des Mondes", im Original "Skellig" getitelt, überträgt sich dieser Zauber vom ersten Satz an auf den Leser. Er wird in eine Geschichte hineingezogen, die zwischen Alltag und Magie, zwischen Leben und Tod, zwischen Glück und Schrecken verwoben ist. Erzählt wird eine Kindheit. Michael, der Ich- Erzähler, gerät durch den Umzug der Familie und die schwere Krankheit seiner kleinen Schwester in eine Umbruch- und Krisensituation. Er erlebt die Angst und Hilflosigkeit seiner Eltern, die um das Leben des "Babys" kämpfen und ihn, den Großen, dabei übersehen; in seinen Träumen lebt er die eigenen Ängste und Sorgen aus.

Das Fremde weist in diesem Roman viele Facetten auf. Es begegnet Michael in Person des Mädchens Mina, die William Blake zitieren kann und die die Vögel liebt, vor allem die Nachteulen. Mina ist eine kindliche Freidenkerin, fernab der Konventionen . "Wir sind wie Jungvögel", belehrt sie Michael, "die halbe Zeit glücklich, die halbe Zeit zu Tode erschrocken." Dem Schrecken begegnet der kindliche Held, als er in der baufälligen Garage auf ein dürres Wesen trifft, das halb tot, halb lebendig, halb Mensch, halb Vogel zu sein scheint. "Was bist du?", fragt der Junge. "Irgendetwas. Etwas wie du, etwas wie ein Tier, etwas wie ein Vogel, etwas wie ein Engel."

Es bleibt in Schwebe, ob "Skellig", so der Name des Vogelmenschen, tatsächlich existiert oder ein Fantasieprodukt der Kinder ist. Er ist dem Zauber des Schreibens entsprungen und dringt in die Fantasie der beiden kindlichen Helden ein. Sie retten ihn und bringen ihn in ein unbewohntes Haus, in dem nur die Eulen nisten. Hier erst entdecken sie, dass Skellig Flügel besitzt und von den Vögeln gefüttert wird. Almond verdichtet das Motiv des Fliegens auf eine literarisch kunstvolle Weise. In der Figur des Skellig spiegeln sich die magischen Vorstellungen des Kindes vom Engel und Erretter des Babys; Skellig verkörpert zugleich das Abstoßende, Fremde, Unheimliche, das allen Doppelwesen innewohnt. Almonds Sprache bleibt angesichts solcher großen Themen eher knapp, unsentimental und sucht schützende Distanz zu den Gefühlen, Hoffnungen und Träumen. "Ich war beim Baby. Wir lagen zusammen im Amselnest. Sein Körper war mit Federn bedeckt und es war weich und warm."

Auf den letzten Seiten des Buches erfahren wir, dass das Wünschen noch hilft, denn das Baby überlebt und alles scheint zu einem guten Ende zu kommen. Der Zauber des Buches aber klingt noch lange nach. (Jens Thiele / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.7.2006)

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