Tom Sharpe: "Puppenmord"

21. Juli 2006, 17:00
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Bei Tom Sharpe wird nicht lang geklagt, da jagt eine Zumutung die andere, je geschmackloser, desto besser

Weil Henry Wilt ohnmächtig ist, ein Schwächling und ein Ehekrüppel außerdem, träumt er davon, "dass Mrs. Wilt für immer verschwände, dass er plötzlich reich und mächtig wäre, und was er täte, wenn er zum Erziehungsminister oder, besser noch, zum Premierminister ernannt würde". Auf seinen Spaziergängen brabbelt der Lehrer deshalb manchmal vor sich hin und hält die diktatorischen Volksreden, die das Volk so wenig wie sein Hund hört, der ihn auf seinen ressentimentgeladenen Ausflügen begleitet. In der Verzweiflung über sein berufliches und häusliches Unglück malt sich Wilt immer wieder neue Unfälle aus, mit denen sich wenigstens das Eheversprechen ohne größere Komplikationen aufheben ließe. Doch wenn er in sein Haus zurückkehrt, sitzt Eva noch immer da, figuriert vorder- und hinterasiatisches Yoga, schwärmt von dem neuen Kursleiter an der Volkshochschule und beklagt Wilts durch ihren Putzfimmel schon gar nicht mehr zu erschütternde Passivität. Wie ganz anders sind doch da die Amerikaner, die in der Nähe eingezogen sind! Professor ist er und seine Frau Sally erotisch überhaupt nicht rückständig. Eva blüht auf, und Henry wird gleich noch abweisender gegen die neuerdings vorgetragenen sexuellen Zumutungen. Seiner Frau fehlt jedes Verständnis für das, was er Tag für Tag an der Berufsschule zu leiden hat, wo er Maurer- und Metzgerlehrlingen die Schönheiten englischer Prosa einbimsen soll. Seine Beschwerden interessieren Eva nicht, er hasst sie dafür und er hasst sich, weil er aus dieser Falle in diesem Leben nicht herauskommt.

Tom Sharpe hat zumindest das Elend der Berufsschule selbst erlebt. Wenn Wilt mit George Orwell oder D. H. Lawrence unterm Arm das Klassenzimmer betritt, fläzen sich die Schüler auf den Bänken, machen obszöne Bemerkungen und brüsten sich damit, einen seiner Kollegen in den Selbstmord getrieben zu haben. Wilt versucht, dessen Ehre wiederherzustellen, dafür bekommt er von einem Schüler einen Fausthieb auf die Nase und vom Direktor eine Abmahnung. Mit Literatur hat das wenig zu tun, aber doch recht viel mit dem Alltag des modernen Geistesarbeiters.

Bei Tom Sharpe wird nicht lang geklagt, da jagt eine Zumutung die andere, je geschmackloser, desto besser. Ausgerechnet Judy, das ebenso vulgäre wie novellistisch vorgeschriebene Dingsymbol, bringt Wilts Rettung aus dem südenglischen Jammertal. Die aufblasbare und, wie sich erweist, recht durable Gummipuppe, gerät durch ein typisch Wilt'sches Missgeschick in seine Hände. Um diese Peinlichkeit zu entsorgen, probiert er mit ihr den perfekten Mord. Er bekleidet sie mit abgelegten Sachen seiner Frau, setzt ihr die passende Perücke auf und schmeißt sie nachts in ein Loch, das die Bauarbeiter am nächsten Tag für das Fundament des neuen Schultrakts ausgießen werden. Es geht hier, wie gesagt, um das nackte Leben und nicht um Literatur. Daher findet der Literaturlehrer Wilt auch erstaunlich viel Gefallen daran, von den Kollegen und der Polizei als Gattenmörder verdächtigt zu werden und endlich im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Vor Gericht bekäme er ohnehin mildernde Umstände, im Roman ergeht es ihm noch viel besser. Seine Frau bleibt ihm zwar, aber endlich wird er befördert und kann auf dem Weg dahin Kollegen, Chefs, die Polizei und eigentlich die ganze moderne Welt düpieren.

Wie er das anstellt, und zu welch subtilen Mitteln er seine Zuflucht nimmt, gehört aber nicht in eine Familienzeitung, das müssen Sie schon selber lesen. (Willi Winkler, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.7.2006)

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