Waffenwechsel im Erfurter Dom: Wespen haben ausgedient

28. Juli 2006, 17:28
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Jetzt wird mit Stickstoff gegen Holzwürmer vorgegangen, die den barocken Cranach-Altar zersetzen

Erfurt - Am Cranach-Altar im Erfurter Dom scheinen die Holzwürmer Geschmack gefunden zu haben: Nachdem erst im vergangenen Jahr den Schädlingen der Gattung Anobium punctatum im barocken Altarretabel mit Wespen zu Leibe gerückt worden war, fanden sich in den vergangenen Wochen erneut winzige Spuren von Holzmehl. Jetzt wollen Experten den Schädlingen mit Stickstoff den Garaus machen: Seit Donnerstag umhüllt ein luftdichtes, silberfarbenes Folienzelt den Altar mit dem um 1522 entstandenen Tafelbild "Die Verlobung der heiligen Katharina" von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553).

Für die Besucher des Doms bleibt das knapp vier Meter hohe sakrale Kunstwerk voraussichtlich bis Anfang September verborgen. Unter dem Stickstoffzelt sollen zugleich fünf mittelalterliche Skulpturen aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert aus anderen Thüringer Kirchengemeinden von Holzwürmern befreit werden. "Der Stickstoff ist für das wertvolle Kunstgut ungefährlich", erklärt der Kunstgutbeauftragte des Bistums Erfurt, Falko Bornschein. Das Cranach-Gemälde, das seit 1946 in dem üppigen Altarretabel präsentiert wird, war im vergangenen Jahr restauriert worden.

Ein paar hielten stand

Für den Altar sei diese erste Stickstoff-Behandlung eine Art Nachsorge. "Das jetzige Ausmaß ist nicht mit dem massiven Holzwurmbefall noch vor einem Jahr zu vergleichen", sagte Bornschein. Damals sollten in einem einzigartigen Experiment Lagererzwespen die Larven des gemeinen Nagekäfers vernichten. Sie konnten zwar die Holzwürmer wesentlich dezimieren, jedoch nicht ganz ausrotten. "Trotzdem war das kein Misserfolg, der Versuch war Neuland", stellt Bistumssprecher Peter Weidemann klar.

Der Leiter des Bischöflichen Bauamtes, Andreas Gold, spricht von wissenschaftlicher Pionierarbeit: "Wir konnten nachweisen, dass die Lagererzwespen die Larven des Nagekäfers als Wirtstiere akzeptieren. Das hat vorher niemand gewusst." Jedoch sei mit dieser natürlichen Bekämpfung kein ganzer Bestand zu vernichten, da eine Art sich nie selbst ihre Lebensgrundlage wegfressen würde.

Erstickungstod

Anders dagegen die Stickstoff-Keule, auf die Schädlingsbekämpfer Joachim Binker als eine "todsichere" Methode schwört: "Das ungiftige Verfahren verspricht 100 Prozent Erfolg", erklärt der Fachmann, dessen Firma aus Lauf bei Nürnberg vor einigen Jahren bereits das Chorgestühl im Erfurter Dom von Holzwürmern befreite.

Der Stickstoff wird aus der Luft gewonnen. Diese wird in eine Zerlegungsanlage geleitet, die den 20-prozentigen Sauerstoffanteil aus der überwiegend stickstoffhaltigen Atemluft abtrennt. Der Stickstoff wird ins Zelt weitergeleitet und lässt nach und nach die Holzschädlinge ersticken. Dennoch - so muss auch Binker einräumen - bietet auch diese Methode keinen vorbeugenden Holzschutz: "Gibt es im Dom noch an anderen Stellen Holzwürmer, kann rein theoretisch nach Abbau des Zeltes der Altar wieder befallen werden." (APA/dpa)

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