Haberzettl übt scharfe Kritik an Führung und Struktur

7. August 2006, 13:17
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Das Chaos in der Personalpolitik werde immer größer, glaubt der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl

Wien - Scharfe Kritik an Führung und Struktur der ÖBB übt der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl, in einem Interview mit dem "Kurier" (Freitagausgabe). Das Chaos in der Personalpolitik werde immer größer. Das Management habe tausende Mitarbeiter abgebaut und mit einem "golden handshake" zum freiwilligen Austritt bewegt. Auf der anderen Seite fehlten Lokführer, Zugbegleiter und Verschieber. Bis 2010 brauche die ÖBB 400 Zugbegleiter.

Die Umschulungen von Mitarbeitern auf neue Jobs funktionierten nicht, denn beim Personalabbau habe man nur die Köpfe gezählt und nicht darauf geschaut, welche Mitarbeiter man noch dringend brauche. Es seien so viele Ausbildungs-Kräfte abgebaut worden, dass manche nun wieder mit Werkverträgen aus der Pension zurückgeholt würden.

Neue Struktur

Zur neuen Struktur der Bahn erklärte Haberzettl, dass die Trennung der Infrastruktur in Bau und Betrieb die Abstimmung viel komplizierter mache. Zu einer gemeinsamen Tochtergesellschaft zur Verbesserung der Streckenplanung sagte der oberste Eisenbahngewerkschafter, er sehe keine Verbesserung, "wenn man aus einem Schnittstellen-Problem zwischen den zwei Infrastrukturfirmen durch eine dazwischen geschobene Tochterfirma drei Schnittstellen-Probleme macht". Der Betriebsrat habe dagegen gestimmt.

Haberzettl sprach sich dafür aus, die Aufgaben in der Infrastruktur neu zu verteilen. Die Infra Betrieb könnte auf die reine Betriebsführung reduziert werden. Der Neubau und die Erhaltung des Netzes sollte in der Infra Bau konzentriert werden.

Reform der ÖBB

Zum Thema Reform der ÖBB und Passagierzuwächse sagte Haberzettl, dass die Fahrgastzahlen im Nahverkehr steigen, weil Bahnfahren durch die hohen Energiepreise attraktiver geworden sei. "Warum mehr Fernreisende mit der Bahn fahren, weiß der Personenverkehr glaube ich selber nicht so genau. Das ist ihnen einfach passiert." Ein Fortschritt sei die Investition in neue Premium-Züge, allerdings baue die ÖBB damit ein zweites System auf. Das koste mittelfristig mehr Geld und man werde dafür relativ schnell die Fahrpreise erhöhen müssen.

Die Diskussion um Personenverkehrs-Chefin Wilhelmine Goldmann und die Geschäfte der Aufsichtsräte seien für das Image der ÖBB "katastrophal".

Vorstand: Kritik "parteipolitisch motiviert"

Die ÖBB-Führung hat Haberzettls Aussagen scharf zurückgewiesen. Von einem Chaos bei der Bahn zu sprechen, sei "schlicht eine parteipolitisch motivierte und verantwortungslose Polemik, die den Konzern nicht weiterbringt, sondern in seiner Arbeit behindert", so die beiden ÖBB-Vorstände Martin Huber und Erich Söllinger in einer Reaktion.

"Sowohl als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats als auch als Aufsichtsrat der ÖBB-Holding AG sollte Herr Haberzettl sich mit seiner vollen Kraft hinter den Konzern stellen und für die gemeinsamen Ziele eintreten", so der Holding-Vorstand. Die jüngsten Aussagen zeigten ein falsches Bild, und seien auf den beginnenden Wahlkampf zurückführen.

Gleichzeitig wies der Holding-Vorstand die These Haberzettls zurück, dass hunderte Mitarbeiter, die seit dem letzten Jahr über ein Abfertigungsmodell den Konzern verlassen haben, auch zu Zugbegleitern und Verschiebern umgeschult hätten werden können. Zwar könnten einige Mitarbeiter spezifisch umgeschult werden, für andere könne aber definitiv nicht der richtige Platz im Konzern gefunden werden. Das "reine Köpfe-Denken" des Betriebsrats sei falsch, weder können die ÖBB ihre Ziele erreichen, wenn sie deutlich mehr Mitarbeiter hätten als sie brauchen, noch ließen sich alle Mitarbeiter auf exakt jene Berufe umschulen, die im Konzern gerade benötigt werden. "Der Konzern braucht motivierte und für die Anforderungen geeignete Mitarbeiter", so das Vorstands-Duo. (APA)

  • Das Management habe tausende Mitarbeiter abgebaut und mit einem "golden handshake" zum freiwilligen Austritt bewegt. Auf der anderen Seite fehlten
Lokführer, Zugbegleiter und Verschieber so der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl.
    foto: standard/corn

    Das Management habe tausende Mitarbeiter abgebaut und mit einem "golden handshake" zum freiwilligen Austritt bewegt. Auf der anderen Seite fehlten Lokführer, Zugbegleiter und Verschieber so der Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Wilhelm Haberzettl.

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