Gerichtsgeschichte: Die Klavierspielerin

23. Juli 2006, 19:33
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Eines Morgens konnte der Nachbar das Feedback für den Lärm von der Motorhaube seines schwarzen VW-Golf ablesen

In ihren Anzügen ist den Anwälten zwar bemitleidenswert heiß, aber sie können sich jede Menge davon leisten, und das verdanken sie Mitmenschen wie Olga K. und Rainer L., die ihr Geld in Privatkriege vor Gericht investieren.

Beide suchten Ruhe und zogen an den Stadtrand, wo das Schicksal aus ihnen Reihenhausnachbarn machte. Rentnerin Olga ist Künstlerin. Zuletzt arbeitete sie im Konzerthaus (Garderobe). Daheim widmet sie sich nun ihren drei Katzen und - dem Klavier.

"Um sieben Uhr früh beginnt's, und abends um neun hört's auf, da wirst wahnsinnig", tobt Elektriker Rainer. "Sie sind ein kulturloser Rüpel", erwidert die mit Sommerhut und lila Täschchen ausgestattete Dame. "Mit Musik hat des nix zu tun, i glaub', die wirft sich auf die Tasten", spekuliert der Kläger.

Die einzige Chance, die sich ihm bot: Er musste den Klavierklang durch eigene Geräusche übertönen. Stimmlich kam er nicht weit, also packte er seine Arbeitsmaschinen aus.

Nächtelanges Hämmern

"Er hat nächtelang gehämmert und gebohrt". Wir haben geglaubt, uns platzt das Trommelfell, schildert die Nachbarin. ("Wir" heißt: die Katzen und sie.) "Er hat's mutwillig auf Hochtouren rennen lassen, nur um uns zu quälen", sagt sie.

Eines Morgens konnte er das Feedback von der Motorhaube seines schwarzen VW-Golf ablesen. "Ruhe, Sie Schwein!", stand dort eingraviert. Daraufhin klagte er die Nachbarin auf Schadenersatz.

"Schauen Sie mich an", bittet Olga die Beziksrichterin mit zarter Stimme. "Trauen Sie mir das zu?" - "In meinem Job traut man jedem alles zu", erwidert die Richterin. "Sie ist eine echte Lady. 'Schwein' zählt nicht zu ihrem Wortschatz", meint der Anwalt: "Das muss ein anderer Nachbar gewesen sein." Der Prozess wird vertagt. (Daniel Glattauer, DER STANDARD-Printausgabe, 21.07.2006)

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