23 Tonnen Bomben auf die Hisbollah-Führung

20. Juli 2006, 21:08
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Mit einem Angriff auf einen mutmaßlichen Bunker versuchte die israelische Luftwaffe am Donnerstag Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah gezielt zu töten

Mit einem Angriff auf einen mutmaßlichen Bunker versuchte die israelische Luftwaffe am Donnerstag Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah gezielt zu töten. Laut der Hisbollah trafen die Israelis aber nur eine Moschee in Bau. Weitergekämpft wird auch im Gazastreifen.

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Die israelische Armee hat ihre "punktuellen" Operationen auf der libanesischen Seite der Grenze am Donnerstag ausgeweitet. An zwei Stellen kam es zu schweren Gefechten zwischen israelischen Soldaten und der Hisbollah, wobei ein israelischer Panzer von einer Anti-Tank-Rakete getroffen worden ist. Drei Soldaten wurden verletzt. Die israelischen Truppen versuchen im Grenzgebiet, befestigte Stellungen und Raketenpositionen der schiitischen Hisbollah auszuheben und dabei das grenznahe Gelände mit Bulldozern zu "rasieren", sodass die Raketenwerfer keine Deckung mehr finden.

Unterdessen herrsche im Libanon nach der massiven Bombardierung eines mutmaßlichen Hisbollah-Führungsbunkers am Südrand von Beirut Unklarheit über das Schicksal und den Aufenthaltsort von Hassan Nasrallah. Indizien sprachen dafür, dass der Kontakt mit dem Hisbollah-Chef verloren gegangen sein könnte. Nasrallah war zuletzt am Sonntag auf einer Videoaufzeichnung zu sehen gewesen.

Israelische Flugzeuge hatten am Donnerstag nach Tagesanbruch über dem Komplex im Viertel Burj-el-Barajne Bomben abgeworfen, die ein Gesamtgewicht von nicht weniger als 23 Tonnen gehabt haben sollen. "Die Hisbollah dementiert, dass irgendjemand von ihren Führern oder Leuten getötet worden wäre", meldete später al-Manar, der Fernsehsender der Schiitenorganisation. Bei dem bombardierten Gebäude habe es sich um "eine Moschee in Bau"gehandelt.

Immer wieder wird indessen in Israel die Frage aufgeworfen, ob das Raketenfeuer der Hisbollah ohne großen Bodenvorstoß abgestellt werden kann. Es gebe zwar fertige Pläne für eine Bodenoffensive, hieß es aus Regierungskreisen, sie seien aber nicht aktuell. "Die Operation im Libanon hat sehr genau definierte Ziele. Wenn es möglich ist, diese zu erreichen, ohne Bodentruppen im großen Maßstab einzusetzen, dann werden wir das vorziehen. Wenn nicht, werden wir die Lage neu bewerten", sagte Sicherheitsminister Avi Dichter.

Auch aus der Luft haben die Israelis wieder dutzende mutmaßliche Kommandogebäude, Waffendepots und Transportfahrzeuge der Hisbollah im Libanon bombardiert. Israel rechtfertigt die Angriffe damit, dass die Hisbollah sich hinter Zivilisten verstecke. Nach libanesischen Angaben sind seit Beginn der Kampagne rund 300 Menschen getötet worden.

Tore der Hölle geöffnet

"Das ist in keiner Weise angemessen", sagte der libanesische Premier Fuad Siniora, "die israelische Regierung hat die Tore des Wahnsinns und der Hölle über dem Libanon geöffnet."In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Corriere della Serarief Siniora aber zugleich die Welt dazu auf, "zu helfen, die Hisbollah zu entwaffnen."Die Hisbollah "folgt der politischen Tagesordnung von Teheran und Damaskus", sie sei "ein Staat im Staate".

In Nordisrael schlugen Donnerstag rund 20 Katjuscha-Raketen ein, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Den Bürgern von Nazareth, der größten arabischen Stadt in Israel, wurde versprochen, dass auch sie ein Frühwarnsystem und Verhaltensmaßregeln in arabischer Sprache bekommen sollten. Am Mittwoch hatte eine Rakete in Nazareth zwei Brüder im Alter von neun und drei Jahren getötet. Zu Beginn der Krise war man davon ausgegangen, dass die Hisbollah arabische Orte nicht angreifen würde.

Israel setzte auch seine Angriffe im Gazastreifen fort. Flugzeuge bombardierten Mittwochabend die Umgebung des Flüchtlingslagers Mughasi, wo sich mutmaßliche palästinensische Extremisten aufhielten. Bodentruppen waren zuvor in Mughasi eingedrungen. Bei Kämpfen in den Palästinensergebieten starben seit Mittwoch 15 Palästinenser, darunter laut Sanitätern auch zwei Jugendliche im Alter von 13 und 16 Jahren. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 21. Juli 2006)

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    Festnahme im Westjordanland: Ein israelischer Soldat führt in Nablus einen palästinensischen Sicherheitsbeamten ab .

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