AMS: Prämie für "Behinderte"

1. August 2006, 16:46
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Der erfreulichen "Trendwende" auf dem Arbeitsmarkt wird in Wien nochmals nachgeholfen. Um viel Geld soll die Statistik bis zum 1. Oktober in Hochglanz erscheinen

Wien – Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zeigt sich erfreut über die "Trendwende" auf dem Arbeitsmarkt. Im Juni sei die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit drei Jahren wieder unter die magische Grenze von 200.000 gerutscht. Je zur Hälfte, so Bartenstein, stamme dieser Erfolg aus der verbesserten Konjunktur und den massiv in die Höhe gefahrenen AMS-Schulungen.

Bartenstein und AMS-Vorstand Johannes Kopf bestreiten, dass bei den Schulungen oder Sonderaktionen wie jener, bei der Wiedereinsteigerinnen für einen Monat hundertprozent lohngestützt zu Billa oder Interspar geschickt werden, vor den Wahlen noch ein Extra-Zahn zugelegt wird.

Alle Anstrengungen unternehmen

Doch Recherchen beim AMS-Wien zeigen, dass "wir bis zu diesem Wahltermin nochmals alle Anstrengungen unternehmen müssen, die Zielerreichung in diesem Bereich zu verbessern". Dies geht aus einem internen Schreiben von AMS-Wien-Chefin Claudia Finster hervor, das dem Standard vorliegt.

Hintergrund ist, dass Wien von allen Bundesländern in der Halbjahresauswertung des 285-Millionen-Schulungspaketes der Regierung am letzten Platz liegt. Während Kärnten, Burgenland und Vorarlberg schon mehr als 70 Prozent des Paketes umgesetzt haben, mit dem heuer zusätzliche 61.500 Schulungsplätze oder Lohnstützen finanziert werden, hat Wien erst 52 Prozent geschafft.

Kurse vorziehen

Daher werden, wo dies noch möglich ist, Kurse auf September vorgezogen und Sonderförderungen für zusätzliche 765 "im weitesten Sinn" Behinderte gewährt. So schreibt etwa der Wiener Schulungsanbieter "venetia" an seine Kursbetreuer: "Wir möchten Sie darüber informieren, dass wir von der Landesgesschäftsstelle Wien gebeten wurden, einige EBC*L-Kurse (Europäischer Wirtschaftsführerschein, Anm.) vorzuverlegen, sodass am 04. 09. vier Kurse parallel beginnen werden."

Um Menschen mit einer "Beeinträchtigung der physischen, psychischen, geistigen oder Sinnesfunktionen" möglichst rasch unterzubringen, werden außerdem Plätze bei sozialökonomischen Einrichtungen wie "Trendwerk" und "Itworks" aufgestockt. Je Platz zahlt das AMS 6000 Euro.

Abschiebeposten

Der Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger kritisiert nicht nur die plötzliche Erweiterung der Behindertenbegriffes, sondern auch die "reinen Abschiebeposten". Öllinger: "Alle Leute, die irgendeine Einschränkung haben, sollen jetzt zu Trendwerk. Das wird von den Arbeitslosen selbst als Strafexpedition empfunden. Das ist keine Arbeit, sondern Absitzen durch Nichtstun."

Auch im Bereich der Jugendlichen und Wiedereinsteigerinnen soll in Wien nochmals in die Hände gespuckt werden. In dem AMS-Schreiben heißt es: "... werden wir uns seitens der Landesgeschäftsstelle zur Unterstützung der übrigen Zielvorgaben des Regierungsprogrammes bemühen, Maßnahmenaufstockungen bzw. Maßnahmenstarts so weit es möglich ist, auf Ende August bzw. September vorzuverlegen."

Nochmals Gas geben

AMS-Chefin Finster verteidigt das Vorgehen: "Natürlich müssen wir nochmals Gas geben. Es wird zwischen den Bundesländern verglichen und wir wollen als Landesgeschäftsstelle gut dastehen. Auf manche Stichtage wird halt besonders geschaut." Wenn alles gut geht, winkt eine "Anerkennungsprämie". Die Regionalgeschäftsstelle, die bis Ende September im Vergleich zu Ende Juni die meisten "Behinderten" und Wiedereinsteigerinnen in Beschäftigung bringt, bekommt 20 Euro pro Sollplanstelle. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.7.2006)

  • Wirtschaftsminister Bartenstein (li.) und Ex-Kabinettsmitarbeiter, AMS-Vorstand Johannes Kopf, sind erfreut über die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt. Wo sich diese nicht einstellen, wird vor der Wahl noch nachjustiert.
    foto: standard/corn

    Wirtschaftsminister Bartenstein (li.) und Ex-Kabinettsmitarbeiter, AMS-Vorstand Johannes Kopf, sind erfreut über die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt. Wo sich diese nicht einstellen, wird vor der Wahl noch nachjustiert.

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