Bilderschutt im Soundorkan

20. Juli 2006, 17:45
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Maguy Marins "Umwelt" als starkes Stück bei ImPulsTanz: Eine Stunde Störbild und Störsound, also bloß die Kehrseite unserer Kultur

Wien – Die 55-jährige französische Choreografin Maguy Marin hat mit ihrem starken Stück Umwelt, das gerade bei ImPulsTanz im Volkstheater zu sehen war, den Jugendkult im Gegenwartstanz gebrochen und weit in eine der Zukünfte dieses sich als so vielschichtig darstellenden Genres hinausgegriffen.

In Umwelt wird weder mit der aktuellen Tendenz zur hintergründigen Leichtigkeit in der Bühnenperformance operiert noch mit einem diffusen Diskursmanierismus oder gar einer spekulativen Schonhaltung gegenüber ihrem Auditorium. Denn das Stück ist laut, bedient sich einer Dramaturgie ohne Kulminationspunkt und hat einen harschen Grundtenor, der gleichermaßen gegen Übersättigung und Überempfindlichkeit gesetzt ist.

In den Zwischenräumen einer Zweidimensionalität vortäuschenden, die ganze Bühnenbreite einnehmenden Spiegelkonstruktion tauchen in kurzen, schnell aufeinanderfolgenden Sequenzen Menschen auf, die einfache Dinge tun. Sie beißen von Äpfeln ab, ziehen sich Pullover an, küssen sich oder schlagen einander, tragen Kronen oder Stahlhelme, werfen Kleidung, Lebensmittel und Schutt ins Proszenium, tragen Waffen, Bretter oder Pflanzen, verfolgen einander, lassen Bücher fallen – ein schier endloser Sturm von Bildzitaten, gebrochen durch einzelne Figuren oder Gruppen, die zwischendurch ins Publikum schauen.

Hinter der Lärmkultur

Dieser Bildersturm findet in einem ständigen Luftstrom statt, der an den Spiegelflächen rüttelt, und in einem akustischen Orkan von E- Gitarren-Sounds, der wie das Hintergrundrauschen unserer Lärmkultur niemals abreißt. Umwelt widerspiegelt das Ende der alten "kritischen" Kunst, weil alle Missstände bereits bekannt und Teil der Unterhaltungskultur sind. Alles Psychologisieren fehlt, ebenso eine literarisierende Geschichte und eine vorgefertigte Moral. Es gibt nur eine Stunde Störbild und Störsound, also bloß die Kehrseite unserer Kultur.

Damit erweist Marin ihrem zum Teil spürbar strapazierten Publikum die größtmögliche Reverenz, nämlich die volle Verantwortung für die Konsequenzen ihres Zuschauens. Erst hinter dem Störbild, der Kehrseite jedes gediegenen Kunstgenusses, und der obligaten Spaßkultur liegen neue Möglichkeiten, es anders und besser zu machen.

Damit ist Umwelt sowohl formal als auch inhaltlich das erste wirkliche Meisterwerk, das die diesjährige Ausgabe von ImPulsTanz bisher präsentiert hat. Eine so rissige und rüde wie trotzdem sensible und reife Arbeit, die eines Beckett, auf den Marin sich unter anderem bezieht, wirklich würdig ist. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2006)

Nachlese
Choreografin Maguy Marin im STANDARD-Interview
"Beckett war ein sehr präziser Denker"
  • Artikelbild
    foto: impulstanz/christian ganet
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