Der diskrete Charme der Zeitlupe

20. Juli 2006, 17:24
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Noch bevor es auf der Seebühne losging, haben die Festspiele eine Großtat gesetzt und Friedrich Cerhas historisch bedeutsamen Orchesterzyklus "Spiegel" aufgeführt

Bregenz – Gebrochene Traditionen können verstörend, aber auch äußerst anregend sein. Ist es bei den Bregenzer Festspielen insgesamt Programm, die "Kluft zwischen dem Populären und dem Modernen" überbrücken zu wollen – also anstelle eines Bruchs mit der Tradition den Blick auf diese prismatisch zu brechen –, so zeugt die dramaturgische Handschrift des Intendanten David Pountney von einer klugen Mischung aus Behutsamkeit und Mut, mit der die kaufmännischen Notwendigkeiten gegen engagierte Projekte abgewogen werden.

Mit Eleganz hat man am Bodensee heuer ein Problem umschifft, das sich aus der Modernisierung des Festspielhauses für die Doppelstrategie ergeben hatte, den Publikumsrenner auf der Seebühne in enger zeitlicher Nachbarschaft mit einer Opernrarität zu paaren. Heuer konnte das Spiel auf dem See nicht wie sonst von der zweiten Opernpremiere im Festspielhaus flankiert werden – diese folgt mit Claude Debussys Der Untergang des Hauses Usher im August. Doch machte man aus der infrastrukturellen Not, im Haupthaus aufgrund der Umbauarbeiten nicht proben zu können, die Tugend, zum Auftakt der Festspiele und noch vor Verdis Troubadour eine Lanze für die zeitgenössische Musik zu brechen – und dies in einem solchen Ausmaß, dass man den dazu notwendigen Kraftakt geradezu herkulisch nennen könnte.

Handelt es sich doch bei Friedrich Cerhas siebenteiligem Orchesterzyklus Spiegel um ein Riesenwerk, das in seiner Besetzung mit mehr als 100 Musikern, seiner zeitlichen Ausdehnung und nicht zuletzt seiner Komplexität wegen für alle Beteiligten eine Herausforderung sondergleichen darstellt – allein die gigantische nötige Probenarbeit ist kaum vorstellbar. Leichter zu erkennen als in ihrer ganzen Bedeutung zu ermessen ist auch die mit den Spiegeln verbundene absolute Pioniertat Cerhas, der in den frühen Sechzigerjahren "Klangflächen" schrieb, noch bevor es diesen Begriff gab – etwa zeitgleich mit, aber unabhängig von György Ligeti, der mit seinen leichter fasslichen Atmosphères berühmt werden sollte.

Endlich integral

Cerha hatte weniger Glück: Das lange Warten auf die Gesamturaufführung der Spiegel, die erst 1972 in Graz realisiert werden konnte, wurde von der weiteren (Nicht-)Aufführungsgeschichte noch übertroffen: Nur einzelne Teile wurden hie und da in ein Programm genommen; integral war der Zyklus seit der Uraufführung (!) überhaupt nicht mehr zu hören gewesen. Dabei ist nicht zu viel damit gesagt, wenn man ihn trotz all der späteren Werke, insbesondere der Opern, als Cerhas Chef d’Oeuvre bezeichnet: Er ist ein in dieser frühen Phase nach der seriellen Avantgarde erstaunlich souverän gehandhabter, vor Ideen berstender Klangkosmos, der scheinbar stehende Klänge immer anders in Bewegung bringt, seine Zustände dabei überraschend schnell zu ändern vermag und trotz der Bekanntheit mancher Klänge, die ins allgemeine Vokabular moderner Musik – auch im Film! – eingegangen sind, immer noch aufregend neu wirkt.

Dies nicht zuletzt aufgrund der akkuraten und hochkonzentrierten Leistung des SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und seines Chefdirigenten: Bedachtsam und transparent organisierte Sylvain Cambreling die teils unkonventionell notierten Partituren perfekt; seine Vorliebe für gedehnte Tempi führte von Beginn an zu hochgradiger Spannung zwischen den allmählich ausfransenden Akkordschlägen von Spiegel I und insgesamt zu genau austarierten Kräfteverhältnissen zwischen den Ereignissen: etwa den an der Kippe zwischen Isolation und Zusammenhang gehaltenen Bläserakzenten von Spiegel IV, dem mit Abstand längsten, zerklüftetsten, überbordendsten und visionärsten Satz.

Der zeitlupenartige interpretatorische Zugang führte dabei zu mancher neuer Erkenntnis – etwa der, dass sich zwischen den Klangflächen auch Motivpartikel als (an-) sprechende Gestalten verbergen. Daneben resultierte er zwar auch in stellenweisen Längen und einer für die Aufnahmefähigkeit grenzwertigen Dauer von 100 statt 80 Minuten – für die meisten im Publikum allerdings durchaus kein Grund, dem Stück ihre Aufmerksamkeit vorzeitig zu entziehen. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2006)

Weitere Aufführung:
Wien Modern
Konzerthaus, 6.11.
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    Friedrich Cerha

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