Eishallen-Einsturz in Bayern: Ermittlungen gegen Verantwortliche eingeleitet

21. Juli 2006, 17:11
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Gutachter: Verkettung mehrerer Mängel und Schäden

Salzburg/Traunstein - Nachdem nun die Gutachten zum Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall, bei dem 15 Menschen getötet und 18 zum Teil schwer verletzt wurden, vorliegen, hat die Staatsanwaltschaft Traunstein Ermittlungen gegen die verantwortlichen Personen eingeleitet. Auf der Grundlage der sachverständigen Feststellungen ergebe sich der Verdacht der fahrlässigen Tötung sowie der fahrlässigen Körperverletzung, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt am Donnerstag in einer Presseerklärung mit.

Ermittelt wird gegen vier frühere Mitarbeiter der Stadt Bad Reichenhall, zwei ehemalige Beschäftigte der am Bau des Daches beteiligten Firmen sowie zwei Architekten beziehungsweise Bauingenieure, die bei der Errichtung und Überprüfung der Halle Anfang der siebziger Jahre beteiligt waren. Weitere Mitverantwortliche sind bereits verstorben. Nach vorläufigem Kenntnisstand der Staatsanwaltschaft besteht kein Verdacht gegen diejenigen Personen, die am Unglückstag für den Betrieb der Halle verantwortlich waren. Auch die Schneelast sei nicht ungewöhnlich hoch gewesen. Eine rechnerische Überanspruchung habe nicht vorgelegen.

Hausdurchsuchungen

Das Amtsgericht Traunstein hat auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Durchsuchung von Wohn- und Geschäftsräumen der Beschuldigten und weiterer Unverdächtiger nach Beweismitteln angeordnet. Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat unter Beteiligung von neun Staatsanwälten und 23 Beamten der Kriminalpolizei Traunstein am 20. Juli 2006 die Beschlüsse an insgesamt 20 Objekten in Oberbayern und Schwaben vollzogen.

Die beiden Hauptgutachter kommen dabei im Wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen. Insbesondere wird übereinstimmend festgestellt, dass der Einsturz des Dachtragwerkes der Eissporthalle Bad Reichenhall nicht auf eine Einzelursache, sondern auf die Verkettung mehrerer Mängel und Schäden zurückzuführen ist, teilte die Oberstaatsanwaltschaft mit.

Mängel

Bemängelt werden vor allem: Die Abweichung von der zugelassenen Bauweise, indem man bei der Eissporthalle "bei Planung und Ausführung gegen wesentliche Regelungen der allgemeinen Zulassung für die Kämpfbauweise verstoßen und den damals vorliegenden Erfahrungsbereich verlassen" hat; keine Prüfung sowie Fehler in der Statischen Berechnung; Verwendung von Harnstoff-Formaldehyd-Klebstoff, der nach heutigem Wissensstand für die Verleimung tragender Bauteile in Eishallen nicht geeignet ist, da nicht dauerhaft feuchtebeständig; Mängel der Konstruktion der Hauptträger, die mit ursächlich für den Einsturz der Halle waren. Zur Instandhaltung des Gebäudes wird festgestellt, dass die Ursachen der immer wieder auftretenden Wassereinbrüche in das Gebäudeinnere der Eissporthalle nicht dauerhaft beseitigt wurden und während der Dauer der Hallennutzung kein Renovierungsanstrich der hölzernen Dachkonstruktion erfolgte.

Mit einem Abschluss der Ermittlungen ist nicht vor Ablauf von mehreren Monaten zu rechnen, so die Staatsanwaltschaft Traunstein. Es muss zunächst das Ergebnis der Durchsuchung und der durchgeführten Vernehmungen ausgewertet werden. Daneben erhalten die Beschuldigten und die Anwälte der Opfer auch Gelegenheit zur ausführlichen Stellungnahme.(APA)

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