Heuer schon mehr irakische Todesopfer als im Invasionsjahr 2003

25. Juli 2006, 07:14
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Auch Zahl der Flüchtlinge stark gestiegen - Wegen Gewalt zwischen konfessionellen Gruppen - Proteste gegen schiitisches Mausoleum

Bagdad/Najaf - Im Irak sind heuer in den ersten sechs Monaten schon mehr Menschen getötet worden als im gesamten Jahr 2003, dem Jahr der US-geführten Invasion. Nach Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums vom Donnerstag, nahmen Gerichtsmediziner von Jahresbeginn bis Ende Juni dieses Jahres bereits 9.558 Leichen entgegen, die zum Großteil nie identifiziert wurden. Das sind fast so viele Tote wie im gesamten Jahr 2005 und deutlich mehr als im Kriegsjahr 2003.

Damals hatten die Gerichtsmediziner 6.012 Tote gezählt. Starben die meisten Menschen im vergangenen Jahr noch durch Gefechte oder Terroranschläge, so werden seit etwa fünf Monaten im Irak täglich sunnitische und schiitische Zivilisten nur auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur jeweils anderen Religionsgruppe von Extremisten gefoltert und ermordet. Das staatliche irakische Fernsehen berichtete am Donnerstag, innerhalb von 24 Stunden seien allein in Bagdad wieder 38 Leichen von Mordopfern entdeckt worden.

Tote und Verletzte nach Autobombenanschlag auf Markt in Bagdad

Bei einem Anschlag in der Nähe eines Großmarktes in der Hauptstadt starben nach Angaben von Augenzeugen vier Menschen, 15 weitere wurden verletzt. Ein Sprengsatz, der vor einem Restaurant in der Hauptstadt explodierte, tötete zwei Menschen, darunter einen Polizeioffizier.

Das geistliche Oberhaupt der irakischen Schiiten, Großajatollah Ali al-Sistani, rief unterdessen alle Stammesführer, Politiker und Religionsgelehrten des Landes auf, sich für ein Ende der Gewalt zwischen den Religionsgruppen einzusetzen. "Sie alle müssen das Ausmaß der Bedrohung für unser Land verstehen und Seite an Seite dafür kämpfen, dass Nächstenliebe regiert und nicht der Hass", hieß es in einer Erklärung Sistanis, die am Donnerstag in der schiitischen Pilgerstadt Najaf veröffentlicht wurde.

Proteste gegen schiitisches Mausoleum

In der irakischen Stadt Samarra protestierten hunderte Sunniten dagegen, dass ein bei einem Anschlag im Februar zerstörtes schiitisches Mausoleum wiederaufgebaut wird. Der Aufruf des radikalen Schiitenführers Moqtada al-Sadr, der Freiwillige für den Wiederaufbau sucht, stecke voller "Provokationen und Drohungen", erklärte der Stadtrat am Donnerstag. Zu der Kundgebung hatten sunnitische Parteien, Geistliche und Stammesführer aufgerufen.

Die zunehmende Gewalt zwischen den moslemischen Glaubensgruppen hat auch die Zahl der Flüchtlinge im Irak stark ansteigen lassen. Nach Angaben des für Flüchtlingsfragen zuständigen Ministeriums sind in den vergangenen drei Wochen etwa 32.000 Menschen vor der Gewalt geflohen. Damit stieg die offizielle Zahl der Flüchtlinge auf insgesamt 162.000. "Wir betrachten das als ein gefährliches Signal", sagte ein Ministeriumssprecher. Die Vereinten Nationen hatten am Mittwoch davor gewarnt, dass die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten die nationale Einheitsregierung bedrohe und das Land in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. (APA/dpa/Reuters)

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    Tikrit: Trauernde an den Särgen zweier durch einen Anschlag getöteten Irakern. Heuer starben bereits fast 10.000 Menschen.

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