Neue Angriffswelle auf den Libanon

21. Juli 2006, 07:06
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Israel: Hisbollah schwer geschwächt - Entführte Journalisten wieder frei - Tausende Menschen im Südlibanon eingeschlossen: Hilfsorganisationen warnen vor humanitärer Katastrophe

Beirut - Die israelische Armee hat am Donnerstagabend ihre Angriffe auf Ziele im Libanon fortgesetzt. Marine und Luftwaffe hätten in drei Wellen die südliche Vorstadt von Beirut, eine Hochburg der schiitischen Hisbollah-Miliz, beschossen, teilte die libanesische Polizei mit. Nach fast pausenlosem Bombardement seit neun Tagen liegen ganze Häuserzüge in den Vierteln in Schutt und Asche. Israelische Jagdbomber griffen außerdem im Nordosten ein Tal zwischen den Ortschaften Baalbek und Hermel an, das von Bewohnern auch als Schmugglerroute bezeichnet wird.

Nordisrael: Hisbollah-Angriffe zurückgegangen

Die Zahl der Einschläge von Hisbollah-Raketen in Nordisrael ging am Donnerstag nach Einschätzung der israelischen Polizei deutlich zurück. Im Laufe des Tages schlugen demnach 26 Raketen in Israel ein. Das seien durchschnittlich vier Mal weniger als in den Vortagen. Die Polizei forderte die Bewohner der von Einschlägen betroffenen Region dennoch auf, in den Schutzräumen zu bleiben.

Hisbollah-Gebäude bombardiert

Bei den Bombardements am Donnerstag wurde auch ein Gebäude getroffen, in dem führende Funktionäre der libanesischen Hisbollah vermutet wurden. Auch am Boden gingen die Kämpfe weiter. Unter der Zivilbevölkerung wuchs die Sorge, der Krieg könnte nach der Ausreise aller Ausländer an Härte zunehmen. Bisher sind auf libanesischer Seite über 300 Menschen - vorwiegend Zivilisten - getötet worden. In Israel kamen durch Raketenangriffe der Hisbollah 29 Menschen ums Leben.

Zwei entführte Journalisten wieder frei

Zwei angeblich in Beirut entführte ausländische Fernsehjournalisten kamen am Donnerstag abend wieder frei. Die britischen Reporter seien kurzzeitig von Sicherheitskräften festgehalten worden und inzwischen wieder auf freiem Fuß, sagte ein Vertreter der libanesischen Polizei am Donnerstag in der libanesischen Hauptstadt. Zuvor hatte die Polizei angegeben, die Journalisten seien von der radikalen Schiiten-Miliz Hisbollah entführt worden.

"Geschwächte Hisbollah"

Israel geht davon aus, dass seine neuntägige Militäroffensive im Libanon die radikal-islamische Hisbollah-Miliz schwer geschwächt hat. Die Hälfte der militärischen Kapazität der Miliz sei bei den Luftangriffen zerstört worden, sagte Verkehrsminister Shaul Mofaz im israelischen Hörfunk am Donnerstag. Hoffnungen auf eine baldige Waffenruhe machte er indes nicht. "Es muss den Streitkräften ermöglicht werden, ihre Arbeit zu Ende zu bringen", sagte der Minister.

Bombardierung bis Hisbollah außer Gefecht ist

Israel will seine Angriffe auf den Libanon bis zur Entwaffnung der Hisbollah-Miliz fortsetzen. Sein Land würde zwar die Befreiung der beiden entführten Soldaten begrüßen, sagte der israelische Außenamtssprecher Yigal Palmor am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. Israel müsse aber sicher sein, dass sich eine solche Situation nicht noch einmal wiederhole und dass nicht noch einmal Soldaten in die Gefahr einer Geiselnahme geräten. Die Bombardierung des Libanon werde fortgesetzt, bis die Hisbollah außer Gefecht gesetzt sei.

Grünes Licht aus Washinton

Hochrangige Beamte in Israel betonten unterdessen, die Operation im Libanon sei zeitlich nicht begrenzt. Washington habe "grünes Licht" für eine Fortsetzung der Angriffe gegen die Hisbollah gegeben. Generalstabschef Halutz bereite die Soldaten und die öffentliche Meinung auf eine ausgeweitete Operation vor.

Halutz betonte in einem Schreiben, der Staat Israel befinde sich inmitten eines Kampfes gegen radikale islamische Terrororganisationen, die sein Existenzrecht negierten und die von Iran und Syrien finanziert würden. Der Kampf im Norden sei zusätzlich zu den Kämpfen im Westjordanland und im Gazastreifen ausgebrochen und dürfte längere Zeit dauern.

Bunker der Hisbollah-Führung in Beirut angegriffen

Am neunten Tag der Angriffe nahm die israelische Luftwaffe mutmaßliche Hisbollah-Stellungen unter Feuer. Allein auf ein Gebäude, bei dem es sich nach Angaben aus Militärkreisen um einen Bunker handelte, warfen Kampfflugzeuge 23 Tonnen Sprengstoff ab. Dort seien Führer der Hisbollah vermutet worden. Die israelische Tageszeitung "Maariv" berichtete auf ihrer Internetseite unter Berufung auf hochrangige Militärkreise, Hisbollah-Chef Sayyed Hassan Nasrallah habe sich möglicherweise in dem Schutzraum aufgehalten. Die Hisbollah bestritt Verluste und erklärte, das Gebäude sei eine halb fertige Moschee gewesen.

Angaben über Opfer der jüngsten Angriffe lagen zunächst nicht vor. Am Mittwoch waren bei den Bombardements 65 libanesische Zivilisten ums Leben gekommen. Bei Raketenangriffen der Hisbollah wurden in Nazareth zwei israelische Kinder getötet.

Im israelisch-libanesischen Grenzgebiet gingen die Bodenkämpfe weiter. Dabei wurden nach Angaben der israelischen Streitkräfte zwei Soldaten verwundet. Israelische Bodentruppen hatten am Vortag die Grenze überquert und sich Gefechte mit den schiitischen Rebellen geliefert, mehr als eine Woche nach Beginn der Offensive gegen die Hisbollah-Miliz.

Süd-Libanon: Rund 15.000 Menschen eingeschlossen - UN fürchtet humanitäre Katastrophe

Angesichts anhaltender israelischer Luftangriffe und steigender Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung versuchen immer mehr Menschen, den Libanon zu verlassen. Innerhalb des Landes sind nach Angabe der Regierung in Beirut mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht. Ausländer und Libanesen mit ausländischen Pässen versuchen zu Zehntausenden, aus dem Land zu kommen.

Auch UN-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour zeigte sich über die humanitäre Lage "sehr besorgt". Durch den Beschuss libanesischer Städte gerieten zunehmend Zivilisten in Gefahr. Dies sei unzumutbar, sagte die Menschenrechtskommissarin am Mittwoch in Genf. Internationales Recht schreibe den Schutz von Zivilisten bei kriegerischen Auseinandersetzungen vor, betonte Arbour.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen sind durch die Kämpfe im Südlibanon mindestens 15 000 Menschen in zwei Ortschaften eingeschlossen. Wie ein Mitarbeiter des libanesischen Roten Kreuzes mitteilte, sind darunter auch Schwerverletzte, die nicht versorgt werden könnten. "Wir habe die Israelis gebeten, zumindest unsere Autos nach Blida und Rmeish durchzulassen, um die Kranken und Verwundeten herauszuholen - ohne Reaktion", sagte der Helfer. Auch mehrere Libanesen mit deutschen, britischen und kanadischen Pässen, die in den Ortschaften festsitzen, hätten keine Chance, ihre Botschaften zu erreichen. (APA/dpa/Reuters)

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    Ein Hisbollah-Mitglied inspiziert die Zerstörungen nach einem israelischen Angriff auf ein Hisbollah-Quartier in Süd-Beirut.

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    Ein israelischer Panzer auf der Rückfahrt vom Südlibanon in die nordisraelische Stadt Avivm.

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