Cheer me up, Leader!

19. Juli 2006, 21:00
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Die tanzenden Girls gehören zu Amerika wie Hamburger und Rock 'n' Roll. Aber auch in Österreich gibt es hunderte Cheerleaders

Wer kennt sie nicht: Synchron tanzende Mädchen in Miniröcken und hautengen Tops, in jeder Hand glitzernde Pompons schwingend. Ohne die akrobatischen Anfeuerungsteams wäre American Football undenkbar. Die tanzenden Girls gehören zu Amerika wie Hamburger und Rock 'n' Roll. Aber auch in Österreich gibt es hunderte Cheerleaders.


Als George W. Bush, umringt von erschöpften Feuerwehrmännern im rauchenden Stahlschutt der eingestürzten Twin Towers stand und durch ein Megafon dem Bösen den Krieg erklärte, setzte er einen Akt höchster patriotischer Theatralik. Politisch mag der 43. Präsident der Vereinigten Staaten Neuland betreten haben, aber in der Form besann sich Bush auf ein uramerikanisches Ritual: Cheerleading.

Wie das Anfeuern von Heimmannschaften geht, hat George W. Bush während seiner College-Zeit an der renommierten Phillips Academy in Andover, Massachusetts gelernt. Von der Pike auf. Wie seine Amtsvorgänger Roosevelt, Eisenhower und Reagan und die Hollywood-Diven Halle Berry, Cameron Diaz und Renée Zellweger war Erdölbubi George in seiner Schulzeit Cheerleader.

Wer heute an Cheerleaders denkt, sieht atemberaubend proportionierte Studentinnen vor sich, die in Miniröckchen und bauchfreien Tops akrobatische Figuren tanzen und zu Pyramiden gestapelt glitzernde Puschel schwingen. Immer im Beat, immer ein zahngebleichtes "Cheese" oder den "Chant", den repetitiven Schlachtruf ihrer Mannschaft auf den Lippen. Dabei war das aufreizende Cheering - das Anfeuern viriler Footballcracks - ursprünglich eine reine Männerdomäne.

Das erste Cheerleading der Geschichte fand in den 1880ern an der Princeton University mit einem poetisch wenig elaborierten Schlachtruf statt: "Rah rah rah, tiger tiger tiger, sis sis sis, boom boom boom, ahhhhhhh, Princeton Princeton Princeton!" skandierten die Studenten, wenn sie sich und ihre Mannschaft auf einen gemeinsamen "School Spirit" einschworen.

Männerbastion war einmal

Ein paar Jahre später kam der Princeton-Absolvent Thomas Peebles auf die Idee, das Schlachtrufen im Publikum zu organisieren. Trotzdem sollte es bis 1898 dauern, bis Johnny Campbell, Student der University of Minnesota, als Erster vor einer Zuschauermenge stand, um die Schlachtrufe zu dirigieren. Für die Sportgeschichte gilt Campbell als erster Cheerleader. Wenig später formierten sich in Princeton die ersten "yell leaders" - Vierergruppen von Sportschreihälsen. War das universitäre Sportgeschehen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch überwiegend in männlicher Hand, sollte sich das in den nächsten Jahrzehnten ändern. Schon 1920 begannen junge Frauen mit dem Cheerleading. 1940 hatte die weibliche Welt die ehemalige Männerbastion endgültig erobert. Seit damals wird Cheerleading nahezu ausschließlich von Frauen betrieben. Die klassische Sportart, die von Cheerleadern angefeuert wird, ist American Football. Der Kontrast zwischen den zierlichen Mädchen in ihren bunten Uniformen und den behelmten und mit martialischer Polsterung aufgemotzten Muskelpaketen könnte nicht größer sein. Vom theatralischen Aspekt darf die Kombination als idealtypisch angesehen werden.

Kein Wunder, dass das grazile Basketball cheerleaderisch in bescheidenerem Rahmen betreut wird. Noch geringer ist die Cheerleader-Dichte bei Fußball und Eishockey. Ganz ohne Cheerleaders geht es auch: Baseball - die zweite Säule im amerikanischen Sportpantheon - kommt ganz ohne die puschelschwingende Mädchen aus.

Zurück zur Geschichte >>>

Zurück zur Geschichte: In den Vierziger- und Fünfzigerjahren hatte bald jede amerikanische High-School ihre Cheerleading-Teams, Verbände wurden gegründet, Wettbewerbe organisiert, Clinics abgehalten. Das Aufmuntern von Publikum und heimischer Kampfmannschaft hatte sich amerikaweit als eigenes sportliches Nebengenre etabliert.

Ein zündender Funke fehlte noch: das Fernsehen. Es waren die Dallas Cowboys Cheerleaders, die in der Saison 1972/73 der NFL (National Football League) mit Aufsehen erregenden Kostümen und ausgeklügelten und spektakulären Tanzschritten ins Scheinwerferlicht der amerikanischen Öffentlichkeit traten. Die Super Bowl X, am 18. Jänner 1979 zwischen den Pittsburgh Steelers und den Dallas Cowboys im Orange Bowl in Miami ausgetragen, sollte die Geschichte des Cheerleadens für immer verändern. Der Auftritt der Dallas Cowboys Cheerleaders in der größten Fernsehsendung der Welt, der Übertragung des NFL-"Endspiels" vor einer halben Milliarde Zusehern, katapultierte das Cheerleaden in eine andere Dimension. Die texanischen Footballer waren den Steelers zwar mit 17 zu

21 unterlegen, aber Stil und Aufmachung der Cheerleaders aus der Petroleum-Metropole wurden von den anderen NFL-Teams aufgenommen, imitiert, verfeinert, weiterentwickelt. Der Sport, der mit einem einfachen Rap vor den studierenden Snobs in Princeton begonnen hatte, war endgültig zur amerikanischen Ikone geworden.

Zu den österreichischen Cheerleaders >>>

Verena hat vor zwölf Jahren mit dem Cheerleading begonnen. Über eine Schulfreundin wurde sie auf ein "Try Out" der Rangers Cheerleaders, eines der Football-Teams in ihrer Heimatstadt, aufmerksam. Was daran besonders ist? Verena Böhm ist nicht in Cleveland, St. Louis, Pittsburgh oder Detroit zu Hause, sondern in der Scheiberlfußballmetropole Wien.

Heute ist Verena Böhm Cheer Seniors Coach, Trainerin der Cheerleaders der Dodge Vikings, des achtfachen Austrian Bowl- und zweifachen Eurobowl-Gewinners. Zusammen mit ihrer Trainerkollegin Petra Krennstetter entwirft sie die Tänze und Programme für 100 Mädchen in allen Altersstufen. Neben den Peewees, den Allerjüngsten, sind das ein Cheer-Juniors-Team, ein Cheer-Seniors- Team und eine Seniorteam für Dance.

Zwei Meisterschaften, eine österreichische und eine internationale, werden jährlich von den großen österreichischen Football-Teams bestritten. Viel Arbeit für die Anfeuerer, die Coaches und ihre Squads, wie die Cheerleader-Teams heißen. Kurz, aber gut müssen ihre Auftritte sein: 2:30 Minuten haben die Mädchen Zeit, um ihre größtenteils akrobatischen Figuren - komplizierte Pyramiden, Hebungen, Räder, Spagate, Salti und Überschläge - zu zeigen. Da muss jedes Detail zehntelsekundengenau sitzen. Anders als bei Schlachtrufen, den Chants und Cheers, wird die Qualität der Stunts und der Tanzschritte von einem rigiden Regelwerk nationaler und internationaler Verbände hochgehalten.

Unter den geschätzten 600 österreichischen Cheerleaders sind, im Gegensatz zum Mutterland des akrobatischen Anfeuerns, kaum Männer. Ob das an der Härte des Trainings liegt? Die Viking Cheerleaders trainieren im Seniorsbereich (ab 16 Jahren) dreimal in der Woche - dazu kommen die Performances bei den Spielen und Camps. Übers Jahr gerechnet sind die jungen Frauen gute vier Tage in der Woche mit Cheerleading beschäftigt. Steckt doch hinter den akrobatischen Teilen, bei Elementen wie geworfenen Saltos oder Schrauben in der Luft viel turnerische Arbeit.

Begonnen hat das österreichische Cheerleading 1990 mit der Gründung eines Squads bei den Klosterneuburg Mercenaries (heute: Danube Dragons). Bei der ersten österreichischen Cheerleader-Meisterschaft 1994 in Klosterneuburg nahmen bereits sechs Teams teil, darunter die Salzburg Bulls, die Danube Dragons und die Rangers Cheerleaders, Teams, die es bis heute gibt. Das Bild der bienenfleißigen Hochleistungssportlerinnen passt so gar nicht zum gängigen Vorurteil, das im Cheerleading gefälliges Wedeln mit Pompons und Busen und rhythmisches Aerobic-Gehopse sieht.

Anders als in den USA, wo American Football die beliebteste Sportart ist und Cheerleading zur Schulausbildung gehört, kommen Österreichs Anfeuerinnen auf verschlungenen Wegen zum Cheerleading. Eine typische österreichische Cheerleading-Karriere - so Viking-Trainerin Böhm - könnte mit sechs Jahren bei den Peewees, den Kleinsten beginnen, mit elf bei den Juniors weitergehen und ab 16 zu den Seniors führen. Weil das bisher noch kein einziges Mal passiert ist, zählen Österreichs Cheerleading-Coaches auf Quereinsteigerinnen. Für die werden zweimal im Jahr "Try Outs" veranstaltet. Wer es von dort ins Probemonat schafft, talentiert und begeistert ist, kann auch den ganz großen Sprung schaffen. In eine der Cheerleading-Pyramiden - Pompons und nabelfreie Uniform inkludiert. (Von Andrea Maria Dusl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7. 2006)

Die Autorin Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Zeichnerin und lebt in Wien und San Francisco. Sie hostet ein viel besuchtes weblog auf http://www.comandantina.com.

Am 24., 26., 28. und 31. Juli finden Aufnahme-Auditions im Studio an der Wien (Rechte Wienzeile 29) statt. Anmeldung unter E-Mail oder (0699) 196 603 13.

Nähere Infos unter http://www.dodgevikings.com.
  • Die akrobatischen Bewegungen und Tanzeinlagen der
jungen Frauen am Spielfeldrand sollen Publikum und Mannschaft anfeuern. Cheerleading ist Teil der US-amerikanischen Kultur wie Burger und Ketchup. Aber auch hier zu Lande haben Football-Mannschaften eigene Showtruppen.
    foto: vikings
    Die akrobatischen Bewegungen und Tanzeinlagen der jungen Frauen am Spielfeldrand sollen Publikum und Mannschaft anfeuern. Cheerleading ist Teil der US-amerikanischen Kultur wie Burger und Ketchup. Aber auch hier zu Lande haben Football-Mannschaften eigene Showtruppen.
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