Gesticktes mit Tolle

21. Juli 2006, 09:30
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Hinter einem Glasschrank wären viele dieser Kreationen eindeutig besser aufgehoben als in der Garderobe: Die Pariser Haute-Couture-Schauen bestachen durch absoluten Prunk

Abseits des bunten Vanity Fair der Modetage - den Vernissagen und Präsentationen, dem Aufmarsch der Stars (von Cher über Drew Barrymore und Kylie Minogue bis zu einem total vermummten Michael Jackson bei Jean Paul Gaultier) - wurden die Pariser Haute-Couture-Tage von einer Ausstellung dominiert: jene über das Schaffen von Cristobal Balenciaga, dem König der Couture, der in seiner 50-jährigen Tätigkeit so gut wie alle Modeschöpfer der nachfolgenden Generation beeinflusst hat. Daran nahmen auch die Modemacher Maß: So erinnerte eine große Abendrobe von Karl Lagerfeld für Chanel an ein berühmtes Foto von einem Modell des großen Spaniers aus den 60er Jahren: schwarzer Taft mit enger, bestickter Korsage und langer bauschiger Schleppe.

Der Rest der Kollektion für diesen Herbst war dagegen extrem jung und modern: Im blendend weißen Zirkuszelt im Bois de Boulogne defilierten sehr kurze Kostüme aus feinem Tweed mit Spenzern oder Mänteln mit üppigen Schmuck-Knöpfen zu schwingenden oder bauschigen Mini-Röcken über schenkelhohen Stiefeln aus Jeans-Stoff. Dieses wichtige, hochhackige Accessoire begleitete dann in bestickter Version die kurzen Abendkleider - manche schlichte kleine Schwarze mit Satin-Einfassung oder Zobel-Verbrämung, andere bedeckt von glitzernder Stickerei wie wandelnde Schmuckstücke. Dann wieder hohe Stiefel - aus Satin mit bestickten Absätzen - zu den opulenten Abendroben - oft vorne kurz und hinten lang - und sogar zum bezaubernden Mini-Brautkleid, besetzt mit schimmernden, goldumrahmten Perlmutt-Arabesken.

Ebenfalls in einem Zelt im Grünen (im Polo-Club) führte John Galliano für Christian Dior durch eine spektakuläre Fantasy-Kostümgeschichte. Durch einen florentinischen Garten schritten unnahbare Walküren in Glitzerroben, halbseitig bedeckt von gold-, silber- oder kupferglänzenden Ritter-Rüstungen (aus Kautschuk!) mit üppigem Kopfschmuck aus Murano-Glas. Dann segelten riesige Volant-Röcke aus grünem Rosshaar mit roten Renaissance-Hauben auf Riesenfrisuren durch die Buchsbäumchen, weiters Riesenkleider aus Alu-Folie (bedeckt mit Gaze) mit halbseitiger Rüstung à la Jeanne d'Arc, abgelöst von schräg drapierten schwarzen Minis mit aggressiven Punker-Accessoires. Femininer und tragbarer die mit Perlen und Korallen bestickten, hautengen Hollywood-Modelle in Lachsrosa mit Hummer-Hütchen (Reminiszenz an eine Zusammenarbeit von Schiaparelli mit Dali). Schließlich großer Auftritt des Maestro: im silbrigen Raumfahreranzug mit Elvis Presley-Tolle.

Bei anderen würden die gewagten Material- und Farbkombinationen überladen wirken - bei Christian Lacroix sind sie üppig, leicht, schwungvoll. Wer sonst könnte einen mit Silberplättchen bedeckten Trapez-Mantel mit gelbem Fuchskragen zu einem mit Goldpailletten und Kristall bestickten Minikleid kombinieren? Oder einen roten, mit Lack-Arabesken bedeckten Mantel mit Zobelkragen und Cape-Ärmeln aus Blaufuchs zur zartblauen, mit schwarzen Spitzenborten besetzten Tunika? Auch die "schlichten" Abendkleider aus schwarzem Seidenjersey oder braunem Satin sind raffiniert drapiert und mit flatternden Mousseline-Teilen besetzt.

Sogar schweren Pelze erscheinen leicht und locker bei Jean-Paul Gaultier, der sie durch Organza-oder Posamentrie-Streifen auflockert. Der traditionelle Trench ist diesmal aus schwarzem Python mit Silberfuchs-Ärmeln. Ein Blouson aus beige Kroko mit Fuchskragen begleitet eine dunkelrote Fischerhose. Ein kupferrotes Samtkleid ist eingerahmt von Rotfuchs. Rosa Satin oder violett Mousseline sind von transparentem Organza durchbrochen, der viel Haut sehen lässt. Witzige Details beweisen Humor: die aus Pailletten zusammengesetzte Boa in Form eines kleinen Fuchs, ein Ärmel aus Federn mitsamt Hahnenkamm - eine Anspielung an den gallischen Hahn, das Maskottchen der (fast glorreichen) Fußballnationalmannschaft.

Nach all dem unbeschreiblichen Luxus ist ein Besuch bei Martin Margiela, der zum ersten Mal am Programm der Haute Couture aufscheint, wie ein Ausflug zu den Antipoden. Zum ersten Mal im Rahmen der Haute Couture präsentierte er in seinem Firmensitz seine "Collections Artisanales", nämlich kunstvolles, handgemachtes Recycling für sie und ihn: Schmale Kleider, zusammengesetzt aus alten Twin-Sets aus bestickter, weißer Wolle, oder aus Smoking-Mascherln in schwarz, blau, braun, Blousons aus Ledergürteln in Brauntönen oder aus alten Skihandschuhen, eine Abendjacke aus plissierten Kummerbunds in schwarz, beige, weiß, dazu eine Handtasche aus einem alten Motorrad-Helm. Eine Lektion für die Konsummentalität einer Modeindustrie, die alljährlich tonnenweise unverkaufte Kleidungsstücke vernichtet. (Linda Koreska, DER STANDARD, rondo/21/07/2006)

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