Rechtzeitig Springen

2. März 2007, 17:06
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Bei Canyoning sind Erfahrungen in verschiedenen alpinen Disziplinen gefragt. Horst Christoph versuchte sich in der Strubklamm bei Faistenau

"Spring, Horstl, spring, 's werd oiwei noo heecher." Er hat ja recht, der Walter, unser Guide. Je länger ich warte, desto größer wird die Angst. Ich stehe vor einem Abgrund und sehe nicht, wohin ich springen soll. Irgendwo dort unten, in sechs Meter Tiefe, soll ein Wassertopf sein, der aber nicht zu sehen ist, weil sich die Wand unter mir zu weit nach vor wölbt und man nur den Gegenhang sieht, in den hinein zu springen ich fürchte.

Aber ich habe genau erklärt bekommen, worauf ich mich da einlasse, und drei unserer Gruppe, darunter zwei Frauen, sind schon gesprungen. Also, eins, zwei, drei, Augen starr geweitet, und los. Ich lande in einem tiefen Gumpen, tauche wieder auf, Adrenalin schießt durch meinen Körper, ich lache befreit und leicht hysterisch. Die letzten zwei der Gruppe folgen, und dann unser zweiter Führer.

Die Strubklamm bei Faistenau zwischen Salzburg und dem Fuschlsee ist 2,7 Kilometer lang und bis zu 100 Meter tief. Sie gilt als leichte, aber klassische Strecke für die relativ neue Wildwassersportart Canyoning, bei der eine Schlucht abwechselnd watend, schwimmend, kletternd, rutschend, springend und sich abseilend bewältigt wird.

Eine geführte Tour durch die Strubklamm dauert zwischen drei und vier Stunden, der abschließende Höhepunkt ist ein Achtmetersprung in einen zehn Meter tiefen Tumpen, der einen Durchmesser von zehn Metern hat. Die Ausrüstung dabei besteht aus einem wärmespeichernden Neoprenanzug, Helm und Kletterausrüstung.

Mischung aus Klettern und Kajak

Canyoning, das man sich auch als eine Mischung aus Klettern und alpinem Kajakfahren vorstellen kann, kam vor etwa fünfzehn Jahren aus Spanien über Italien und Südfrankreich zu uns, und nach drei Stunden in der Strubklamm weiß man trotz Neopren, warum es in eher wärmeren Gegenden erfunden wurde. Die Gegend um den Gardasee, Teneriffa und, ganz weit weg, die Insel La Reunion sind denn auch Objekte der Begierde für Canyonisten.

Der Reiz des Canyonings - der Versuch, es als "Schluchting" oder "Schluchteln" einzudeutschen, hat sich nie durchgesetzt - liegt darin, dass dabei Können und Erfahrung in verschiedenen alpinen Sportarten nötig sind. Es ist ein Sport nicht ohne objektive Gefahren, und das hat dazu geführt, dass es vor allem als Extrem-, Risiko-, Abenteuer- oder Trend-Sportart gilt, eine Ettikettierung, die kommerzielle Veranstalter manchmal bewusst schüren, der aber Vereine wie der Deutsche Canyoning-Verband (DCV), entschieden entgegen treten.

Der DCV verweist auch immer wieder auf die sensible ökologische Situation der feuchten Schluchten, was bedeutet, dass die Pflanzen- und Tierwelt durch die eindringenden Menschen so weit wie irgendwie möglich zu schonen ist.

Kommerzielle Nutzung

Weniger den Schutz als die kommerzielle Nutzung naturnaher Gewässer haben allerdings Bestrebungen im Sinne, die den Zugang zu Bächen und Seen einschränken wollen. Sie beschäftigten in den vergangenen Jahren die Salzburger Juristen. Es ging darum, ob Besitzer oder Verwalter von Gewässern, also z. B. die Bundesforste, den Zugang zu "ihren" Gewässern einschränken oder unterbinden dürfen.

Die Entscheidung, was das Canyoning in der Strubklamm betrifft: Gewerbsmäßige Veranstalter zahlen eine Benutzungspauschale (von derzeit 900 Euro pro Saison). Wer privat geht, zahlt nach dem öffentlichen Wegerecht nichts. Letzteres ist allerdings, wie bei allen alpinen Sportarten, ausdrücklich nur erfahrenen Canyonisten zu empfehlen. Das Führen von Canyoning-Touren ist nur geprüften Bergführern erlaubt. Trotzdem kam es in den letzten Jahren immer wieder zu teils dramatischen Unfällen. Die meisten davon sind auf plötzliche Gewitter zurück zu führen.

In der Maeschlucht bei Longarone im Belluno, einem eindrucksvollen, oft nur vier Meter breiten Canyon, der bei normalem Wasserstand ohne Schwierigkeiten beschwommen oder mit dem Kajak durchfahren werden kann, zeigen die in zehn bis 15 Meter Höhe zwischen den Wänden verkeilten Baumstämme, wie hoch hier das Wasser steigt.

Ein heftiges Gewitter kann jede noch so harmlose Klamm innerhalb von Minuten zu einer tödlichen Falle machen, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Beachtung der alpinen Wettervorhersagen, die Beobachtung von Wolkenbildung und, als Grundregel, ein frühes Einsteigen, sollten selbstverständlich sein. Dann bleibt das Canyoning das einzigartige Naturerlebnis, das in Bereiche der Landschaft führt, die auf keine andere Weise erfahrbar sind. (Horst Christoph/Der Standard/rondo/21/7/2006)

Literatur: Hofmann, Stefan, Guido Ellert: "Canyoning". Ausrüstung. Technik. Sicherheit. 2., überarbeitete Auflage (in Auslieferung). Bergverlag Rother, München.
Sicherheits-Infos: ASI. Alpines Sicherheits-und Informationszentrum: Alpine Sicherheit
Wetterdienst Alpenverein: Infos über die Wettersituation in den Ostalpen. Alpenverein
Veranstalter: Outdoorplanet, Roppen, Tirol. Tel.: 0699 1181 1663. Info@outdoorplanet.net; Strubklammteam Faistenau, Tel.: 06228 2653, canyoningteam@aon.at
Führungen durch die Strubklamm von Mai bis Oktober. Ab fünf Personen. 60 Euro; Team Aktiv, D 63739, Aschaffenburg: Tel.: 0049 6021-21 96 35, s.hofmann@teamaktiv.com
  • Canyoning - Klettern im Wasserfall
    foto: der standard

    Canyoning - Klettern im Wasserfall

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