Geöffnet im Juli und August

24. Juli 2006, 17:00
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Jede Nacht im Hochsommer wandern tausende Menschen auf den Fujiyama - ein vergnüglicher Massenauflauf Gleichgesinnter

Man kennt das ja mit den Öffnungszeiten. Sie gelten als die Erlaubnis, wann wir kommen dürfen, um hereingelassen zu werden. In Japan dürfen wir zu den Öffnungszeiten hinauf. Auf den Fujiyama, den Berg der shintoistischen Götter, vor vielen Tausend Jahren aufgeplatzt über dem pazifischen Feuerring, unter dem es derzeit wieder so brodelt. Freund Fuji lässt das kalt, nur ab und zu raucht er noch ein bisserl.

Wenn der Berg "offen" ist, heißt das, dass er auch garantiert schneefrei ist und das ist er nach offizieller Lesart irgendwelcher Beamten in irgendeinem japanischen Ministerium nur im Juli und August. Zudem ist da in Japan Obon, eine Woche voll mit Feiertagen - wer kann, nimmt sich noch ein paar Tage länger arbeitsfrei.

Das halbe Land ist dann auf den Beinen und viele trachten, eine vom Volksmund gestellte Lebensaufgabe zu erfüllen: Einmal auf dem Fujiyama gewesen zu sein. Irgendwann zwischen fünf und 50 oder erst mit 85. Touristen wollen das auch und nützen meist den Abendbus vom Bahnhof Shinjuku in Tokio, um bis zur "Gogome", die fünfte Bergstation zu fahren, um gleich von halber Höhe aus zu starten.

Alle wollen rauf

Rauf, wir wollen rauf, jetzt geht's los nachts um etwa halb elf. Tausend, zweitausend und noch mehr Leute krempeln die Hose hoch und schnüren die Schuhe zu. Die Stirnlampen werden umgebunden. Nach und nach biegen sie ein auf den Weg, wandern erst viertelstundenlang in gemäßigtem Trott auf einer gepflasterten Straße. Laternen leuchten ihre volle Breite aus.

Die Schnellen unter den Wanderern werden in vier, fünf Stunden oben sein am Gipfelplateau auf 3776 Metern Seehöhe und werden warten, weil die Sonne erscheint kaum vor fünf Uhr früh. Die Langsameren werden auf dem bis obenhin fast nahtlos betonierten Weg oft rasten, heißen Tee und weiß-grüne Reissandwiches an einer der vielen Berghütten kaufen und sich gemeinsam mit den Bedächtigen schrittweise akklimatisieren. Die Schwachen kaufen bald schon Sauerstoff in Dosen so groß wie jene für Haarspray. Sie werden ihn sich direkt in die Mundhöhle sprühen und dann, wie es die Dosenbetriebsanleitung vorschreibt, kräftig durchatmen.

Entlang der Route

Die Schwindligen, die das Schritttempo nicht an ihre physische Konstitution angepasst haben, werden an den graubraunen Felsen lehnen oder über Bänken entlang der Route hängen, um hoffentlich bald wieder klar zu sehen. Die Sportlichen und Erfahrenen werden in voller Ausrüstung an ihnen vorbeiziehen und ab und zu anmerken, wenn man selber nicht mehr könne, würde man umkehren.

Die Alten werden schon gestützt und den Jüngsten wird mit Zuckerl, Saft und Chips gut zugeredet. Chemische Klos warten paarweise am Wegrand. Japanisch und englisch geschriebene Warnhinweise gebieten in wenigen Metern Abstand die vorgeschriebene Route nicht zu verlassen; immer wieder sieht man noch einen meterhohen orangeroten Durchgang zu einem Schrein. "Cup Noodle" könnte man jetzt auch in einer Versorgungshütte kaufen.

Die sorglosen Mädchen im Bikinioberteil und Shorts werden schon bald bibbernd oben ankommen und sich dann in eine leichte Regenhaut wickeln, um die wenigen Grad Celsius am Gipfel nicht an ihre Haut zu lassen. Die unvorsichtigen Burschen mit ihren gewachsten Strubbelfrisuren werden bis oben womöglich ein Dutzend Energydrinks geleert haben, um die Schmerzen an den Füßen, die in den weichen Converse-Turnschuhen stecken, wegzuspülen.

Aus ganz Japan

Die Einheimischen aus ganz Japan und die Touristen von allerorten stehen irgendwann alle an, weil ab einem bestimmten Punkt geht nichts mehr. Da wollen schon die ersten hinauf aufs Fuji-Plateau, die anderen drängen von hinten nach. Es wurlt da oben wie sonst nur beim Kirschblütenfest in Tokios Uneo-Park. Alle ha- ben dasselbe Ziel: Die Sonne aufgehen sehen. Diese Aussicht bewegt die Massen im Finstern, sie verteilen sich am Plateau, immer mehr können nachrücken. Die Hunde müssen auch mit.

Es gibt da oben grünen Tee aus dem Automaten, der nach Tastenwahl heiß oder kalt in die Lade plumpst. Oder Kaffee schwarz, oder Kaffee mit Milch. Und Cola und Minute-Maid-Orangensaft. Coca Cola und Suntory haben ein halbes Dutzend grell erleuchtete Verkaufsmaschinen hier platziert. Zweitausend Leute tasten mit ihren Blicken das Morgenrot ab. Digitalkameras und Handys werden von klammen Fingern in die Luft gehalten, damit der erste Sonnenstrahl des Tages konserviert werden kann.

Man hört es, wenn die Sonne den Himmel betritt. Klick. KlickKlick. Menschen umarmen sich, Unbekannte gratulieren einander zum Gipfelsieg. Paare küssen sich. Joey, Arnold und Claudia rufen Eltern und Freunde in ihren Heimatländern an - die Verbindung ist erstklassig. Wohl kaum jemand sonst auf dieser Welt sieht die Sonne in dieser Stunde von höherer Position aus.

Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Der Wind nimmt neuerlich Anlauf am Vulkankegel und lässt sich mit voller Wucht über dem Plateau am Fuji fallen. Der Colaautomat rattert in seiner Verankerung. Die schönen Bilder von der Sonne werden verwackelt sein, man sieht es erst daheim am PC. (Andrea Waldbrunner/Der Standard/rondo/21/7/2006)

Anreise: z.B. mit Austrian Airlines täglich außer Mittwoch ab Wien nach Tokio, retour täglich außer Donnerstag
Unterkunft: Kawaguchiko Station Inn, Mount Fuji, 3639-2, Funatsu
Ashiwada Hotel Mount Fuji, 395 Nagahama, Ashiwada-mura.
Anreise von Tokio: per Bahn ab Bahnhof Shinjuku mit Odakyu Linie bis Gotenba Station und von dort mit dem Tozan Bus bis Fuji Gogome. Per Bus ab Tokio von Shinjuku Station direkt mit dem Chuo Highway Bus bis Gogome.
Allgemeine Infos: Japan Guide
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