Mit Schildkröten teilen

26. Juli 2006, 16:28
23 Postings

Schon die weltmeerkundigen Italiener schwärmten von der Insel Zakynthos. Heute tummeln sich auf der Blume des Ostens auch Hollywood-Größen

Petros reicht's für heute. Mit verschränkten Armen sitzt er auf dem hölzernen Hocker hinter seiner kleinen Bar und wartet darauf, dass auch die letzten seiner Gäste ihre Flasche Mythos und ihren Ouzo austrinken und ins Bett fallen. Er muss morgen wieder früh raus, seine Studios am Ionion Beach in Vassilikos sind heuer schon seit Saisonbeginn Mitte Mai ausgebucht.

Nicht zuletzt deshalb, weil der Grieche vor zwei Jahren - auf Anraten eines Reiseveranstalters - einen großen Pool auf seiner ohnehin am Meer gelegenen Anlage errichtet hat. ,,Die Leute wollen höchsten Komfort, aber jedes Jahr weniger dafür zahlen", beklagt sich Petros und erzählt davon, wie viel Mühe das Sauberhalten eines Schwimmbads bereite, wie wenig sich das alles finanziell für ihn lohne und dass er als junger Mann ohnehin - so wie die meisten seiner Generation hier auf Zakynthos - sein Glück auf dem Festland versuchen wollte.

Aber er hätte es einfach nicht ausgehalten - vor lauter Heimweh. ,,Alle gehen weg, und alle kommen wieder", meint Petros mit einem Lächeln, greift nach der Flasche Anisschnaps und schenkt noch eine Runde für alle aus, ,,weil Zakynthos einfach der schönste Fleck in Griechenland ist."

Schroffe Kalksteinklippen, umspült von leuchtend türkisfarbenem Wasser, schwer zugängliche kleine Buchten, Kiefern, Zypressen und alte Bergdörfer an der rauen Nordwestseite; Feigenbäume, Weinberge, weiße Strände im Süden; und reich tragende Zitronenbäume und Olivenhaine im hügeligen Osten - die landschaftliche Schönheit Zakynthos begeisterte schon die alten Venezianer.

"Fior di Levante", Blume des Ostens, nannten die weltmeerkundigen Italiener die drittgrößte und südlichste der insgesamt sieben Ionischen Inseln. Und hinterließen Zakynthos nach 300-jähriger Herrschaft mehr als einen lieblichen Kosenamen und ein paar Pasta-Rezepte. Vor allem in Zakynthos-Stadt, mit rund 10.000 Einwohnern und einer von insgesamt drei Verkehrsampeln, die größte Stadt - die "Chora" - der Insel, ist italienische Vergangenheit allgegenwärtig: Arkaden, schmiedeeiserne Balkons, ockerfarben getünchte Häuser und hohe Glockentürme, die frei neben der Kirche stehen.

Die Flaniermeile "Strada Marina" entlang des lang gezogenen Hafenbeckens dagegen zeugt von neuer, fremdländischer Besatzung. Souvenirläden mit Teppichen, Stoffschildkröten und Thymianhonig reihen sich an Autoagentur und Boutiquen mit Sonnenbrillen und Bikinimode, Taverne an Taverne - und allesamt führen sie Griechenland-Bestseller wie Gyros, Souvlaki, Tsatsiki und Kalamari auf der mehrsprachigen Speisekarte.

Selbst Tom Cruise und Sharon Stone sollen hier schon gegessen haben, denn seit Nicolas Cage nach den Dreharbeiten zu "Corellis Mandoline" ein Haus auf der Nachbarinsel Kefalonia gekauft hat, ist Zakynthos hollywoodchic. Wegen der langen, feinsandigen Strände, des kristallklaren Wassers und trotz der Erdstöße - denn die gibt's auf Zakynthos beinahe täglich.

Um die 300 - meist harmlose - Beben zählt man pro Jahr, ausgelöst durch Erdplatten, die sich ruckartig unter den Ionischen Inseln verschieben. Von den Auswirkungen des großen Bebens im August 1953, als in Zakynthos-Stadt und Umgebung kein Stein auf dem anderen blieb, ist nach jahrzehntelangem Wiederaufbau kaum etwas spürbar. Die 35.000 Insulaner haben sich an ihr bewegtes Leben gewöhnt und übernachten eben gelegentlich - wie Petros und seine Familie heuer im April - ein, zwei Nächte aus Sicherheitsgründen im Auto.

Dabei macht Dionysios, der Inselheilige, ohnehin kein Auge zu und schreitet - so will es die Legende - Nacht für Nacht die Insel auf und ab, um über sein Zakynthos zu wachen. Auch vor dem großen Beben soll er mehreren Menschen warnend erschienen sein. In der Agios-Dionysios-Kirche in Zakynthos-Stadt, dem reichlich mit Gold verzierten und größten Gotteshaus der Insel, liegt der

Leichnam des ehemaligen Bischofs in einem silbernen Sarkophag. Gläubige aus ganz Griechenland reisen das ganze Jahr hindurch zu dieser Pilgerstätte in der kleinen Seitenkapelle.

Vor allem aber am 24. August, dem Festtag Dionysios', an dem Einheimische in einer großen Prozession die sterblichen Überreste des Heiligen durch die meist engen Gassen der "Chora" tragen. Und bei der Gelegenheit ihrem Heiligen gleich ein Paar neue Schuhe anziehen. Jahr für Jahr, weil die alten von den vielen nächtlichen Patrouillengängen schäbig und abgelaufen sind.

Heiß ist es um den 24. August auf Zakynthos - nicht selten steigt die Temperatur auf 42 Grad. Auch schon die Wochen vorher hält es in der Mittagshitze keiner lange durch. Verdorrte oder ausgetrocknete Wiesen und Felder findet man trotzdem nicht. Die kleinen Getreidefelder in der Nähe der Bergdörfer sind um diese Zeit längst gedroschen, und der Rest der Insel bleibt grün, denn das Bodengestein speichert die zahlreichen Niederschläge des Winters. Kahle Stellen, die sich hin und wieder die Hügel hinaufziehen, sind meist auf Waldbrände zurückzuführen. Und die entzünden sich nicht von alleine: Alter Baumbestand ist behördlich geschützt und darf vom Eigentümer des Grundstücks nicht gefällt werden. Selbst dann nicht, wenn dieser Bauabsichten hegt und vielleicht auf seinem Besitz mit Meeresblick eine Taverne errichten möchte.

Auch bei der Rettung der Caretta caretta - eine der selten gewordenen Meeresschildkrötenarten, die jährlich von Mai bis August in der lebhaften Bucht von Laganas im Süden ihre Eier am Strand ablegt - kommt es immer wieder zu Interessenkonflikten. Die Tiere legen hunderte von Seemeilen zurück, um genau in dieser Region nachts im Sand ihre tischtennisballgroßen Eier zu vergraben, aus denen nach etwa zwei Monaten Junge schlüpfen. Musiklärm, Licht und Gegröle schlagen die Karettschildkröte in die Flucht - die Population hat sich seit dem Einsetzen des Tourismus massiv verringert.

Auf Drängen von Umweltschutzorganisationen haben die Behörden deshalb Schutzzonen für die Caretta caretta errichtet. In unmittelbarer Nähe der Brutplätze dürfen Boote weder fahren noch ankern, und der Aufenthalt am Strand ist nachts streng verboten.

Aber abends ist man auf Zakynthos ohnehin in einer der zahllosen Tavernen am besten aufgehoben. Zum Beispiel in der Taverne "Arekia" oder bei "Alivizos" im Vorort Krioneri nahe der "Chora". Auf einfachen, langen Holzbänken, die bunte Fleckerlteppiche bedecken, sitzen ab 21 Uhr jede Menge Einheimische in großen Runden, bestellen Mezedes - auf kleinen Tellern servierte Vorspeisen wie Saganaki (frittierter Schafkäse), Imam (Auberginen mit Tomaten/Knoblauch) oder Tiropitakia (kleine gefüllte Käsetaschen) -, von denen jeder nimmt, und trinken dazu Krasia, den Hauswein des Lokals.

Und wenn nach der Hauptspeise dann alle Gäste satt sind, greift der Sohn des Wirts zur Gitarre, sein Cousin zur Mandoline, und der stämmige, grauhaarige Padrone kommt aus der Küche und stimmt die erste von vielen Cantades des Abends an. Der Text dieser Lieder der Ionischen Inseln entstand in den 50er-Jahren, als viele Zakynther in Richtung Amerika, Kanada oder Australien aufgebrochen sind.

,,Zakynthos, ich werde dich nie wieder sehen", singt der griechische Wirt inbrünstig und zur Freude seiner Gäste. Denn so wie alle Cantades handelt auch diese von unglücklicher Liebe und von Heimweh nach der Insel. (Von Carolin Giermindl, Der Standard/rondo/21/7/2006)

Service
Anreise: Die Lauda Air fliegt bis 28. September einmal pro Woche ab Wien, Linz, Graz und Salzburg nach Zakynthos. Tel.: 0820 320 321
Veranstalter: z. B. der Griechenlandspezialist Reiseladen, Tel.: 0810 001 035, reiseladen@ruefa.at

Info: Zakynthos
Share if you care.