"Beckett war ein sehr präziser Denker" - Maguy Marin im Gespräch

19. Juli 2006, 19:58
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Die renommierte Choreografin Maguy Marin konfrontiert ihr Publikum in "Umwelt" mit den Notfällen unseres Überlebens

Wien - In ihrem markanten Bühnenwerk Umwelt (am 21. Juli um 21 Uhr im Volkstheater) inszeniert Maguy Marin, eine der Protagonistinnen der französischen Gegenwarts-choreografie, ein heute beinahe schon wieder verdrängtes Thema. Umweltist ein von Samuel Becketts Rhythmisierungen wie in Quadratoder Nacht und Träumebeeinflusstes Werk über das Verhalten der Gesellschaften angesichts ihrer existenziellen Bedrohung, das bei seiner Uraufführung in Lyon heftige Publikumsreaktionen provozierte.

Der Standard: Warum verwenden Sie den deutschen Begriff "Umwelt"als Titel für eine französische Choreografie?

Maguy Marin: Ich habe das Buch Umwelt und Innenwelt der Tieredes Verhaltensforschers Jakob von Uexküll (1864-1944) gelesen, in dem die Umgebungswelt des Tieres beschrieben wird. Und ich mochte den "Umwelt"-Begriff, den es so im Französischen nicht gibt. Wir sagen "à l'entour", aber das ist längst nicht so umfassend.

Der Standard: War das der Einstieg zu diesem Stück?

Maguy Marin: Es gab mehrere Einstiege. Der erste bestand darin, daß ich ein polyrhythmisches Werk schaffen wollte über sieben Ziffern zwischen 1 und 7 - sehr poetisch. Ein anderer erfolgte über das Ethik-Werk des Philosophen Baruch Spinoza nach der Lektüre von Gilles Deleuzes Buch Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie, in dem er auch über Uexküll und die Umwelt des Körpers schreibt: wie der Körper die Umwelt beeinflusst und umgekehrt.

Wir haben in Improvisationen mit Deleuze-Guattaris "heccéité"-Konzept, das "Werdende" wie es in dem berühmten Werk Tausend Plateausbeschrieben wird, gearbeitet und kurze Sketches entwickelt, die immer in der Mitte eines Geschehens beginnen.

Der Standard: Das Stück war in Frankreich sehr umstritten?

Maguy Marin: Man hat gesagt, es gäbe keine Beziehungen zwischen den Tänzern. Aber man muss ja jemanden nicht einmal ansehen, um eine Beziehung mit ihm zu haben! Wenn wir uns nicht mehr Zeit nehmen zu denken, werden wir eine Katastrophe erleben.

Um mit Spinoza zu sprechen: Wie steht es mit unserer Fähigkeit, die Welt um uns herum zu verändern? Deswegen der Wind und die lärmige Musik in dem Stück - sie steht für ein herannahendes Unheil. Doch die Darsteller auf der Bühne tun so, als ob nichts passieren würde.

Der Standard: Sie haben sich in den 30 Jahren Ihrer choreografischen Tätigkeit stets an Bedingungen der Gesellschaft orientiert. Welche politischen Veränderungen waren eigentlich für Sie besonders wichtig?

Maguy Marin: Seit 1976 hat sich viel verändert. 1989, nach dem Fall der Mauer, ist die Idee, dass die Welt menschlicher gemacht werden sollte, den Bach hinuntergegangen. Es gab keine zwei Blöcke mehr, und alles erwies sich als viel schwieriger. Die Ideale der 70er-Jahre waren nicht mehr brauchbar.

Der Standard: Aber diese sind in Ihrem meistgespielten Stück, "May B"von 1981, doch noch deutlich zu erkennen?

Maguy Marin: Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen May Bvon vor 25 Jahren und Umweltvon 2004. In May Bversuchen zehn Personen mit großem emotionalen Aufwand, miteinander zu leben. Bei Umweltist das passé. Hier geht es nur darum, in der eigenen Individualität zu leben, so gut es geht.

Da ist aber auch noch etwas anderes: Das Kollektive existiert zwar nicht mehr so wie früher, aber diese Vielheit ist auch sehr gut, denn du bist zwar in einer Gruppe, aber es gibt viele davon, nicht mehr nur zwei.

Der Standard: "May B"war von Beckett beeinflusst. Wie ist Ihre Beziehung zu Beckett heute?

Maguy Marin: Immer noch sehr stark. Besonders auch, weil er auch Arbeiten ohne Worte machte, die sehr choreografisch sind, diese kleinen Stücke wie Quadrat oder Nacht und Traum. Was ich an ihm mag, ist, dass er ein präziser Denker war.

Der Standard: Wovon handelt Ihre neue Arbeit, "Ha! Ha!", die Sie vor Kurzem vorgestellt haben?

Maguy Marin: Wie der Titel sagt, wir haben viel über das Lachen gearbeitet. Ich bin der Auffassung, dass Lachen die Leute vom Nachdenken abhält. In Ha! Ha!gibt es keinen Tanz, sondern viel Text und Übertreibung. Es geht um die Zerstörung des Körpers durch Worte und Lachen. Es ist wieder ein schwieriges Stück geworden, wie auch Umwelt, mit dem wir anfangs viele Probleme hatten.

Das Publikum wollte einfach Tanz sehen. Und mit Ha! Ha! ist es nun dasselbe. Aber das ist ein französisches Problem. In Irland etwa oder Griechenland war das Publikum erfreulicherweise sehr viel aufgeschlossener. (Das Gespräch führte Helmut Ploebst, DER STANDARD, Printausgabe vom 20.7.2006)

Zur Person
Maguy Marin,1951 in Toulouse geboren, gehört zu den bedeutendsten Choreogra- fen unserer Zeit. Sie erhielt ihre Ausbildung ab 1970 auf Béjarts Mudra-Schule in Brüssel und war Tänzerin in dessen berühmtem Ballett des XX. Jahrhunderts, bevor sie 1987 eine eigene Kompanie gründete. Nachdem sie 16 Jahre lang das Choreografische Zentrum Créteil bei Paris geleitet hat, arbeitet sie seit 1998 in Rillieux-la-Pape bei Lyon. In den 30 Jahren ihrer bisherigen choreografischen Tätigkeit schuf sie 40 Werke.
  • Bewegungen in den Zeit- und Empfindungsmaßen von Uexküll
und Beckett: Maguy Marin bei „ImPulsTanz“.
    pressefoto impulstanz/© michel cavalca

    Bewegungen in den Zeit- und Empfindungsmaßen von Uexküll und Beckett: Maguy Marin bei „ImPulsTanz“.

  • Artikelbild
    pressefoto impulstanz/© christianganet
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