Erdogan an Bush: "Terrorismus ist überall Terrorismus"

26. Juli 2006, 13:45
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Die Türkei wirft den USA vor, mit zwei Maßstäben zu messen

Die Türkei wirft den USA vor, mit zwei Maßstäben zu messen und beharrt auf ihren Plänen, im Nordirak zu intervenieren: Gehen die Amerikaner und die irakische Armee nicht binnen eines Monats gegen die PKK dort vor, werde die türkische Armee angreifen.

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In ungewöhnlich scharfer Form hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Vorbehalte der USA gegen eine mögliche türkische Militärintervention im Nordirak zurückgewiesen. Als Reaktion auf Äußerungen des US-Botschafters in Ankara, Ross Wilson, sagte Erdogan in Anspielung auf den israelischen Angriff im Libanon: "Wir können keine Haltung akzeptieren, die ein solches Vorgehen im Land A toleriert, bei Land B aber mit anderen Maßstäben misst. Terrorismus ist überall Terrorismus."

"Terrorismus ist überall Terrorismus"

Wilson hatte zuvor gesagt, einseitige Militäraktionen über die Grenze in den Irak hinein seien "nicht klug". Die Türkei unterliege einem Irrtum, wenn sie glaube, die kurdische PKK mit einem Angriff auf deren Verstecke im Nordirak besiegen zu können.

Dennoch bekräftigte Erdogan noch einmal, dass die militärischen Vorbereitungen für eine Intervention gegen die Basen der militanten PKK im Nordirak weitergehen. "Wir wissen selbst was wir zu tun haben", sagte er an die Adresse Washingtons, "wir werden uns für den geeigneten Moment vorbereiten".

PKK-Kämpfe im Süden der Türkei

Die türkische Regierung und das Militär wollen sich offenbar von den USA nicht länger hinhalten lassen, die seit gut zwei Jahren immer wieder vage Versprechungen darüber abgegeben haben, gegen die Guerillacamps der kurdischen Arbeiterpartei, die sich nach der Festnahme ihres Führers Abdullah Öcalan in den Nordirak abgesetzt hatte, vorzugehen. Die Situation ist in den letzten Monaten eskaliert, nachdem die PKK ihren zuvor verkündeten Waffenstillstand vor zwei Jahren für beendet erklärt hatte und ihren Kampf im Südosten der Türkei wieder aufgenommen hat.

Seitdem vergeht kaum noch ein Tag, an dem es keinen Zwischenfall gibt. Bereits vor drei Monaten hat die Armee wieder größere Truppenkontingente im kurdisch besiedelten Südosten zusammengezogen und ihre Stellungen entlang der Grenze zum Irak verstärkt, um ein Einsickern der PKK-Militanten aus dem Nordirak zu verhindern - allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Nachdem allein in der letzten Woche insgesamt 14 Soldaten getötet wurden, steht die Regierung Erdogan jetzt unter enormem Druck durch das Militär und große Teile der Öffentlichkeit.

Horrorszenario

Angesichts der in der Türkei weit verbreiteten Kritik an den israelischen Angriffen auf den Libanon ist Erdogan jetzt offenbar nicht mehr bereit, die Einwände der USA gegen eine türkische Militärintervention im Nordirak zu akzeptieren. US-Botschafter Ross Wilson wurde im Außenministerium offiziell mitgeteilt, man werde noch maximal einen Monat darauf warten, dass die kurdische Regionalregierung unter Massud Barsani mit Unterstützung der US-Truppen gegen die PKK im Nordirak vorgehe.

Für die US-Regierung ist das ein Horrorszenario, da dann auch der bislang einzig stabile Teil des bürgerkriegsgeschüttelten Irak in neue Kämpfe verwickelt würde. Mit gutem Gespür für diplomatische Nadelstiche hat denn auch der iranische Botschafter in der Türkei die Unterstützung seines Landes für die türkischen Pläne verkündet. Teheran, sagte er, hätte gegen einen Einmarsch türkischer Truppen im Irak nichts einzuwenden. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 07. 2006)

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    Die Führung der türkischen Streitkräfte betet für einen im Kampf mit der kurdischen PKK umgekommenen "Märtyrer". PKK-Guerillas töteten in den vergangenen Wochen 14 Soldaten im Südosten der Türkei.

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