Heilkraft aus Knochen

26. Juli 2006, 13:31
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Schweizer Forscher basteln an einer neuen Methode der Stammzellen-Transplantation, mit der Autoimmunkrankheiten geheilt werden sollen

Basel - Man entnimmt dem Beckenknochen einige Stammzellen, versetzt diese im Reagenzglas mit Wachstumsfaktoren und gibt dem Patienten, der an einer Autoimmunerkrankung leidet, anschließend die millionenfach vermehrten Stammzellen zurück in die Blutbahn. Das Immunsystem baut sich mithilfe dieser Stammzellen, die auch Knochen und Muskeln bilden können, rasch wieder auf. Zugleich ist die Autoimmunkrankheit - sei es Lupus Erythematodes oder Multiple Sklerose - verschwunden, keine Arzneien sind mehr nötig.

Das ist genau jene Zukunftsmusik, an der Schweizer Forscher derzeit komponieren.

Ein ähnliches Verfahren, die Transplantation Blut bildender Stammzellen (HSCT), wird zwar heute schon bei Autoimmunkrankheiten angewendet. HSCT hat aber den Nachteil, dass die risikoreiche Therapie nur bei einer ausgewählten Gruppe von Patienten eingesetzt werden kann und von diesen wiederum lediglich ein Drittel darauf an-spricht. HSCT bei Autoim-munerkrankungen befindet sich selbst noch im Forschungsstadium, weltweit wurden inzwischen an rund 1000 Menschen Transplantationen vorgenommen.

Die Transplantation von Blutstammzellen hat sich bereits seit mehr als 30 Jahren bei Leukämie und Knochenmarksschwund bewährt. Ihren Nutzen bei Autoimmunkrankheiten erkannte man erst vor zehn Jahren. Die Stamm-zellen können jedoch nicht von einem Fremdspender gewonnen werden, sondern nur vom Patienten selbst.

Neustart des Systems

Das Prinzip der Transplantation ist einfach: Die Stammzellen werden dem Knochenmark entnommen, dann alle im Körper verbliebenen Immunzellen durch Chemotherapie oder Bestrahlung vernichtet - einer Krebsbehandlung ähnlich und mit denselben Nebenwirkungen. Nun werden die zwischengelagerten und vermehrten Stammzellen wieder in die Blutbahn zurückgebracht. Durch diesen Neubeginn, so die Hoffnung, sollen die Stammzellen gesunde und nicht mehr gegen den eigenen Körper gerichtete Abwehrzellen bilden.

"Das Problem der HSCT ist, dass die Blutstammzellen selbst nicht therapeutisch wirken, sondern lediglich das Im-munsystem nach dessen Ausschaltung wieder neu aufbauen", sagt Alan Tyndall, Rheumatologe im Stammzelltransplantationsteam des Uni- spitals Basel. Die Aufmerksamkeit richte sich deshalb neu auf jene Stammzellen, die Knochen, Muskeln, Bindegewebe und Fett bilden können, die so genannten mesenchymalen Stammzellen (MSC).

MSC haben den interessanten Effekt - zumindest laut Tierexperimenten und vorerst wenigen Untersuchungen an Menschen -, dass sie das Immunsystem positiv beeinflussen und selbst keine Abwehrreaktion provozieren. Sie stoppen das Wachstum der Lymphozyten, die fehlgesteuert den eigenen Körper angrei-fen, und wirken entzündungshemmend. Man spricht deshalb auch von "Nurse"-Zellen.

Weiters lassen sie sich mit ihrer hohen Wachstumsfreudigkeit problemlos im Reagenzglas züchten. Sie können überdies mit einer lokalen Betäubung wie Blutstammzellen dem Beckenkamm des Patienten leicht entnommen werden. Mit der MSC-Transplantation verspricht sich Tyndall nicht nur eine wirksamere und verträglichere Therapie als mit HSCT allein, sondern auch die Verhinderung der Abstoßungsreaktion.

Inzwischen bekamen weltweit rund hundert Krebspatienten MSC transplantiert, in Begleitung einer Blutstammzellen-Transplantation. Die Infusionen wurden bisher gut vertragen und hatten keine Nebenwirkungen zur Folge. "Über die langfristige Sicherheit lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nichts sagen", fügt Tyndall hinzu.

Der Schweizer Forscher dämpft auch die Hoffnung auf einen baldigen Therapieeinsatz: "Frühestens in einem Jahr hoffen wir, die Tierexperimente abzuschließen und eine erste Studie mit Menschen zu beginnen." (Stefan Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 7. 6. 2006)

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