Wagenburg: Unterm Samtpolster verbirgt sich ein Plumpsklo

23. Juli 2006, 18:40
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Verborgene Geschichten der kaiserlichen Karossen in Schönbrunn

Die Prachtkutschen in der Schönbrunner Wagenburg verbergen viele Geheimnisse: manche unterm Lack – andere enthüllen ihre Geschichte über nackte Brüste

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Wien – Zunächst einmal sind es "nur" Kutschen. Viele Kutschen, prachtvolle Kutschen, kunstvoll verzierte Kutschen. Krönungskutschen, Reisekutschen, Kinderkutschen. Doch hinter den Türen und unter den Sitzen all dieser Gefährte wartet eine Welt, die von technischen Errungenschaften und von gesellschaftlichen Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg erzählt. "Immer wieder gab es Probleme mit den Hofkutschern", weiß etwa Monica Kurzel-Runtscheiner als Direktorin der Wagenburg in Schönbrunn zu berichten. "Die Hofkutscher mussten immer so lange am Kutschbock sitzen bleiben, bis der Fahrgast zurückkehrte. Es kam zu Fällen von Trunkenheit am Zügel – oft wurden Streitereien mit anderen Kutschern dokumentiert.

Eine der weltweit wichtigsten Sammlungen

Die Schönbrunner Wagenburg repräsentiert nicht nur einen versunkenen, riesigen Betrieb, für den gleich vier Hofämter zuständig waren – sie ist eine der weltweit wichtigsten historischen Wagensammlungen, die im Schatten des großen Schönbrunner Touristentrubels vom Publikum langsam wieder entdeckt wird. Nach Einbrüchen in den 90ern – von 300.000 auf 75.000 Besucher pro Jahr, ist es Kurzel-Runtscheiner gelungen, den Besucherstrom wieder auf 100.000 zu steigern.

Nun soll das Angebot stetig verbessert werden – bis Jahresende soll es etwa Audioguides geben; "es ist einfach wichtig zu wissen, welche Technik und welche Personen mit einem Wagen verbunden waren", weiß die Direktorin.

Gala-Maultiersänfte

Das beginnt schon beim allerältesten Fahrzeug der Sammlung – einer Gala-Maultiersänfte. Bis 1845 hatte die noch zeremonielle Bedeutung bei der Erbhuldigung, wenn der Erzherzogshut von Klosterneuburg nach Wien gebracht wurde. So edel das Gefährt ist – mit Saffianleder bezogen und goldenen Nägeln verziert – unterm Samtpolster verbirgt sich ein Plumpsklo.

Die Kutsche aus Koci

Oder jener gewaltige Galawagen im hinteren Bereich der Ausstellung: "Ein Thron auf Rädern, eine rollende Insignie", beschreibt ihn Kurzel-Runtscheiner. Gleichzeitig ist es der älteste Wagentyp mit einer auf Riemen eingehängten Karosse. Solches wurde im 18. Jahrhundert im ungarischen Koci entwickelt – wovon sich vermutlich auch der Name "Kutsche" ableitet. Oder da gibt es jene schwarz bemalte Kutsche, deren Panelen-Malereien verraten, um welches Gefährt es sich handelt: Unterm schwarzen Lack muss sich genau jener Wagen befinden, den Joseph II. zur Krönung fuhr und der auf einem monumentalen Gemälde in der Wagenburg dargestellt ist.

Sisis Napoleon-Wagen

Solch verborgene Geschichten gibt es viele. Wie jener Wagen, mit dem Sisi als Braut Kaiser Franz Josephs in Wien einzog: Die eingestickte eiserne Krone von Monza samt Szepter und Insignien lassen den Schluss zu, dass diese in Paris erbaute Kutsche wohl genau dieselbe ist, in der Napoleon bei seiner Mailänder Krönung saß. Kaiser Franz dürfte diesen Wagen des Besiegten als Trophäe von Mailand nach Wien gebracht haben – um ihn hier zu einem Habsburger Gefährt umbauen zu lassen.

Oder jener Wagen der Wiener Erzbischöfe – der ursprünglich zum Hochzeitszug von Napoleon und Marie Luise gehört haben muss. Auch wenn später die hohe Geistlichkeit darin unterwegs war – die dargestellten nackten Brüste und heidnischen Götter zeugen vom Ursprung.

Mit all dem könnte Kurzel-Runtscheiner viel anfangen, sie würde die Schaustücke gern neu und lebendiger aufstellen, mehr Pferde, Menschen, Bild und Tondokumente zeigen. Doch vieles scheitert am Geld. Im Hintergrund wird indes weiter wissenschaftlich gearbeitet: Bis 2007 läuft ein Forschungsprojekt. Auf dieser Basis wird dann etwa zwei Jahre an einem Gesamtkatalog gearbeitet. Die Direktorin weiß schon jetzt: "Es wird ein Standardwerk." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 20.7.2006)

  • Langsam wird die imperiale Welt der Wagenburg von Schönbrunn wieder entdeckt. Direktorin Monica Kurzel-Runschteiner bemüht sich um neue Besucherschichten

    Langsam wird die imperiale Welt der Wagenburg von Schönbrunn wieder entdeckt. Direktorin Monica Kurzel-Runschteiner bemüht sich um neue Besucherschichten

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