Israel überlegt Invasion des Südlibanon

20. Juli 2006, 21:48
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Israel beschloss die unbefristete Fortsetzung der Libanon- Offensive - Diplomatische Bemühungen treten auf der Stelle - mit Grafik der Hisbollah-Waffen

Während die Israelis am Mittwoch mit intensiven Lufteinsätzen und einer Serie von "punktuellen" Bodenoperationen weiterhin die Hisbollah zu bezwingen versuchten und das Leben in Nordisrael wegen der weiterhin bestehenden Raketenbedrohung gelähmt war, begannen die Diplomaten, ihre Stimmen zu erheben, hatten aber vorläufig kaum mehr zu bieten als allgemeine Absichtserklärungen. Das israelische Sicherheitskabinett beschloss unter Vorsitz von Premier Ehud Olmert, die Angriffe "ohne Zeitlimit" fortzusetzen.

Der Nahe Osten befinde sich "in einem seiner schwersten Momente", klagte EU-Chefdiplomat Javier Solana nach einem Treffen mit der israelischen Außenministerin Zipi Livni in Jerusalem. Die Erklärung der G-8 sei "ein gutes Dokument, das, wenn es ernst genommen und umgesetzt wird, eine gewisse Möglichkeit zur Beendigung des Blutvergießens geben kann". Livni ließ aber keinen Zweifel daran, dass von einem Abbruch der Militäroperation noch keine Rede sei. "Es ist klar, dass wir diesen Prozess in Bewegung setzen, während die Militäroperation weitergeht und während es der Armee ermöglicht wird, zu tun, was sie tun muss, um die Hisbollah zu treffen", sagte Livni.

Israel befinde sich "in der gleichen Position wie die internationale Gemeinschaft", wenn es die Freilassung der verschleppten Soldaten, die Ausweitung der Autorität der libanesischen Regierung auf das ganze Territorium sowie die Unterbindung des Waffennachschubs für die Hisbollah aus Syrien verlange.

Sowohl Solana als auch Livni gaben zu verstehen, dass es bei dem Paket, das man zu schnüren sucht, nicht nur um die Beendigung der jetzigen Krise gehe, sondern um eine "Basis für die Zukunft", also um eine dauerhafte Neuordnung im regionalen Maßstab.

Während von Experten in Israel immer öfter zu hören ist, dass eine regelrechte Bodeninvasion nötig sein könnte, um die Hisbollah aus dem Südlibanon zu vertreiben, operierten kleine israelische Kommandos auf der libanesischen Seite mit dem Ziel, die befestigten Stellungen der Schiitenmiliz zu zerstören. Aus dem Zentralabschnitt der Grenze nördlich des israelischen Dorfes Avivim wurde von heftigen Kämpfen berichtet.

Nach wie vor war es aber die Luftwaffe, die den schweren Druck aufrechterhielt. Nach israelischen Angaben wurden in Tyrus, Baalbek und anderen Städten Büros angegriffen, die als "Finanzzentren" der Hisbollah gedient haben sollen. Zu den Zielen hätten auch Munitionsdepots und Waffentransporte gehört, und es sei gelungen, eine Abschussvorrichtung für jene iranischen Raketen zu vernichten, die Tel Aviv erreichen könnten.

In einem christlichen Viertel von Beirut schoss ein Hubschrauber Raketen auf geparkte Lastwagen ab, einer anderen Version nach soll das Feuer von israelischen Raketenbooten gekommen sein, die vor der Küste liegen. Schon in der ersten Tageshälfte wurden im Libanon am Mittwoch mehr als 50 Menschen getötet. Nach Schätzungen israelischer Militärs sind bisher 25 bis 50 Prozent der Hisbollah-Infrastruktur zerstört worden.

Auf die Stadt Haifa und zahlreiche Orte in Galiläa gingen auch am Mittwoch wieder dutzende Raketensalven nieder, die diesmal nur geringen Schaden anrichteten. Ein Haus in Haifa, das einen Volltreffer abbekam, stand leer. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 07. 2006)

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