Traditionelle Rollenzuschreibungen verfestigt

20. Juli 2006, 15:19
453 Postings

Studie über Lehrstellenförderung der Stadt Salzburg weist Notwendigkeit für mehr Geschlechter­gerechtigkeit am Lehrstellenmarkt auf

Salzburg - Seit 1997 wird in der Stadt Salzburg Lehrstellenförderung praktiziert, was steuerliche Vergünstigungen für jene Betriebe bedeutet, die Lehrlinge ausbilden. 2000 und 2001 wurde das Instrument modifiziert: Seitdem fließen direkte Geldleistungen für Lehrstellen in die so genannten "Neuen Lehrberufe", die von der Wirtschaftskammer jährlich neu benannt werden, wie zum Beispiel MechatronikerIn, EDV-TechnikerIn, IT-InformatikerIn oder KommunikationstechnikerIn. Auch Investitionen in die Ausstattung einer Lehrstelle werden gefördert.

Eine neue Studie vom Frauenbüro der Stadt Salzburg und des WirtschaftsService zeigt nun eindrucksvoll auf, dass die vermeintlich neutral gestaltete Lehrstellenförderung in großem Ausmaß Unterschiede zwischen den Geschlechtern verfestigt.
"Für mich war besonders aufschlussreich, dass ein Instrument, das geschaffen wurde um jungen Leuten gezielt beim Schritt in die Berufstätigkeit zu helfen, traditionelle Rollenmuster fortgeschrieben hat, was keinesfalls beabsichtigt war", erläutert die Studienautorin Alexandra Schmidt.

Klischees wirken noch immer

Zur Analyse unter geschlechtsspezifischem Gesichtspunkt wurden jene 33 Unternehmen, die 2003 und 2004 Lehrlingsförderung beansprucht haben, befragt; 27 davon haben sich beteiligt.

Mehr als ein Viertel der Unternehmen hält ein Geschlecht für eher geeignet, den Anforderungen der angebotenen Lehrstelle zu entsprechen: 19 Prozent halten Buben für geeigneter, 7 Prozent Mädchen. In 65 Prozent der befragten Unternehmen hat keine Frau eine Führungsfunktion, in 15 Prozent der Unternehmen gibt es eine einzige weibliche Führungskraft. Dass sich für IT-Lehrstellen eher männliche BewerberInnen denn weibliche bewerben, sehen 32 Prozent der Unternehmen im größeren technischen Interesse der Buben begründet. EDV sei eine Männerdomäne. Weitere Tradierungen: Mädchen hätten mehr Chancen als Bürokauffrauen und mehr Interesse an Berufen in der Gastronomie. "Die Befragung hat gezeigt, wie stark Buben der Bereich Technik, Mädchen der Bereich Dienstleistung zugeschrieben wird und auf Seiten der Unternehmen das Vorhandensein bzw. Fehlen entsprechender Eignungen und Talente als gegeben angenommen werden", so Schmidt.

Geschlechterspezifische Auffälligkeiten

Die Lehrberufswahl der Mädchen konzentriert sich in der Stadt Salzburg deutlich auf die drei Spitzenreiterinnen Bürokauffrau (18,7 Prozent), Friseurinnen (14,3 Prozent) und Einzelhandelskauffrau (7,4 Prozent). 40,4 Prozent aller weiblichen Lehrlinge in der Stadt Salzburg sind in diesen drei Lehrberufen zu finden (Bundesland Salzburg: 35,6 Prozent). Buben arbeiten überwiegend in männlich besetzten Berufen: Kraftfahrzeugtechniker (12,9 Prozent), Elektroinstallationstechniker (7,6 Prozent) und Köche (5,9 Prozent).

Die Studie veranschaulicht auch, dass die Fördernische "Neue Lehrberufe" den Burschen zugute kommt: Weitaus mehr männliche Lehrlinge werden gefördert (100 Burschen, 43 Mädchen); generell zeigt die Höhe der ausbezahlten Förderung, dass Lehrstellen, die mit Mädchen besetzt sind, geringere Förderung erhalten. Zudem weist auch die Lehrlingsentschädigung erhebliche Nachteile für junge Frauen auf: FriseurInnen erhielten 2004 im dritten Lehrjahr 539 Euro monatlich, Lehrlinge der Metallindustrie hingegen 770,53 Euro. Damit würde der Grundstein des Auseinanderklaffens der Einkommensschere gelegt - Handlungsbedarf betreffend der Aufweichung traditioneller Rollenbilder besteht, so die Studienautorin.

Geschlechtergerechte Lehrstellenförderung

Bislang gab es keine geschlechterspezifischen Wirkungsziele der Förderung, aber die Neugestaltung wurde heuer mit ersten Maßnahmen in Angriff genommen - eine Notwendigkeit, die die vorliegende Studie nochmals verdeutlicht. "Die Ergebnisse sind nicht nur interessant, sondern haben auch praktische Relevanz: Die Vergabe der Lehrstellenförderung wird grundlegend neu gestaltet", bestätigt der Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden.

So sollen die Lehrstellen künftig nicht nur Qualifizierung von Jugendlichen leisten, sondern auch der Gegensteuerung der geschlechterspezifischen Segregation am Arbeitsmarkt dienen. Unter anderem geplant ist die Lehrstellenbesetzung in einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis und abseits traditioneller Berufsfestlegungen sowie die Sensibilisierung betrieblicher AkteurInnen. Zudem sollen genderspezifische Ausbildungsangebote für Personalverantwortliche und Lehrlinge entwickelt und geschaffen werden.

Maßnahmenpaket

Für die Förderungskriterien bedeutet dies unter anderem mehr Geld für neue Lehrstellen in Berufen, in denen Mädchen bislang stark unterrepräsentiert sind (weniger als 40 Prozent laut Statistik der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer). Wenn AusbildnerInnen oder Personalverantwortliche eine genderspezifische Schulung besuchen, wird diese zu 50 Prozent als Investition anerkannt. Weiters werden Weiterbildungsangebote (über Berufsschule und Lehre hinaus) für alle Lehrlinge im ersten Lehrjahr voll als Investitionskosten anerkannt. Auch soll ein "Gendertraining" für die AusbilderInnen der LehrlingsausbildnerInnen entwickelt und über lokale Bildungsträger angeboten werden. Diesbezügliche Vorgespräche mit der Wirtschaftskammer zeigen sich als fruchtbringend. (red)

Links

Studie Geschlechtergerechte Lehrstellenförderung im pdf-Format.

Frauenbüro Stadt Salzburg

MeET - Mädchen entdecken EDV und Technik
  • MeET soll Mädchen EDV und Technik entdecken lassen.
    foto: stadtgemeinde salzburg
    MeET soll Mädchen EDV und Technik entdecken lassen.
Share if you care.