UNICEF und WHO fordern Zugang zu libanesischer Zivilbevölkerung

19. Juli 2006, 19:24
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"Extreme Besorgnis" - Forderung nach sicherem Korridor - 700.000 Menschen auf der Flucht

Wien/Genf/Innsbruck/Beirut - Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF ist extrem besorgt über das Schicksal der libanesischen Zivilbevölkerung nach der israelischen Militäroffensive und versucht so schnell wie möglich Hilfslieferungen zu zehntausenden von den Kämpfen betroffenen Kindern zu bringen. Da sowohl das Bombardement des Libanon als auch die Raketenangriffe auf Israel andauerten, sei es enorm schwierig, die betroffenen Kinder zu erreichen. "Wir brauchen einen sicheren Korridor, um Hilfsgüter zu den Not leidenden Menschen zu bringen, die derzeit noch erreichbar sind", sagte der Leiter von UNICEF im Libanon, Roberto Laurenti, laut einer Presseaussendung vom Mittwoch. "Gleichzeitig muss alles getan werden, um so schnell wie möglich die Bevölkerung zu versorgen, die sich in abgeriegelten 'Kriegszonen' aufhält."

"Ungehinderter Zugang für humanitäre Helfer ist zwingend notwendig, um unnötiges Sterben und Leiden abzuwehren. Der Schutz der Zivilbevölkerung im Konfliktfall ist eine Verpflichtung im internationalen Völkerrecht", heißt es in einer von UNICEF und WHO heute in New York, Genf und Beirut veröffentlichten Erklärung. Seit der aktuelle Konflikt ausbrach, wurde der Libanon immer mehr isoliert, Luft, See- und Landwege sind blockiert. Gebiete im Süden des Landes wurden mittlerweile durch militärische Aktivitäten vom Rest des Landes abgeschnitten. UNICEF, WHO und andere Partner arbeiten daran, Leben zu retten, Zivilisten zu schützen und Kinder und ihre Familien mit Nothilfe zu versorgen, darunter sauberes Trinkwasser und Sanitäranlagen, Notapotheken mit den wichtigsten Medikamenten und Hilfe für traumatisierte Kinder.

Ungezählte Kinder leiden unter den Kämpfen und der Gewalt. "Diese Krise hat eindeutig ein Kindergesicht", so Afshan Khan von der UNICEF-Nothilfe. "Es ist schwierig, Kinder rechtzeitig in Krankenhäuser zu bringen, um ihre Gliedmaßen oder ihr Leben zu retten. Das ist eine Krise, die viele Kinder extrem verstört und ängstigt."

Fast jeder sechste Libanese auf der Flucht

Im Libanon ist mittlerweile fast jeder sechste Einwohner auf der Flucht. Wie der arabische TV-Nachrichtensender Al-Arabiya am Mittwoch unter Berufung auf libanesische Regierungsbeamte berichtete, haben mehr als 700.000 der rund vier Millionen Einwohner seit Beginn der israelischen Luftangriffe ihre Häuser verlassen. Ein großer Teil von ihnen sei bei Freunden oder Verwandten in Regionen untergekommen, die sie für sicherer hielten. 70.000 Familien hätten Zuflucht in staatlichen Schulen gefunden. Schwierig ist die Versorgungslage inzwischen in einigen kleineren Ortschaften im Süden des Landes, in die Einwohner benachbarter Dörfer nach der Bombardierung geflüchtet waren.

"Die Situation ist alarmierend und katastrophal", sagte der Repräsentant des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF in Beirut, Roberto Laurenti, am Dienstag. Die fortgesetzten israelischen Luftangriffe haben eine humanitäre Krise unabsehbaren Ausmaßes hervorgerufen. Wegen der israelischen Luft- und Seeblockade ist das Land nur noch auf dem Landweg von Syrien aus zu erreichen. Israels Luftwaffe bombardierte am Dienstag auch die wichtigste noch befahrbare Straße von Beirut zur libanesisch-syrischen Grenze.

"Schutz der Zivilbevölkerung im Konfliktfall völkerrechtliche Verpflichtung"

Eine Woche nach Beginn der israelischen Luftangriffe befinden sich laut Schätzungen von UNICEF und WHO rund 500.000 Menschen auf der Flucht. Die Zerstörung zahlreicher Straßen und Brücken habe die Versorgung von Hilfsbedürftigen stark erschwert, klagen die UNO-Organisationen. Der Süden des Libanon sei durch die Kämpfe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz bereits weitgehend von der Außenwelt isoliert. "Die Grundversorgung der Bevölkerung mit Wasser und Strom ist auch abseits der Kampfhandlungen nicht mehr gesichert."

Überdies hätten wegen der anhaltenden Luftangriffe rund 500.000 Menschen ihre Häuser verlassen und seien schon deshalb auf Hilfe angewiesen. Allein in der Hauptstadt Beirut und Umgebung hätten mindestens 35.000 Menschen in Schulen und öffentlichen Parks Zuflucht gesucht. "Der Schutz der Zivilbevölkerung im Konfliktfall ist eine Verpflichtung im internationalen Völkerrecht", mahnen UNICEF und WHO.

Einrichtungen von SOS-Kinderdorf in Beirut geschlossen

Aus Sicherheitsgründen müssen das Beiruter Büro von SOS Kinderdorf und eine SOS-Jugendwohngemeinschaft weiter geschlossen bleiben. Abseits der allgemeinen angespannten Lage sei auch die Angst unter den SOS-Mitarbeitern groß, erklärte Zeina Allouce, die Leiterin von SOS-Kinderdorf Libanon, einer Aussendung vom Mittwoch zufolge.

Die Vorräte an Grundnahrungsmitteln und sonstigen wichtigen Gütern seien jedoch vorläufig für alle vier SOS-Kinderdörfer gesichert. Die Jugendlichen der Wohngemeinschaft wurden in anderen SOS-Einrichtungen untergebracht, geht aus der aus Innsbruck übermittelten Aussendung weiter hervor.

Besonders besorgt sei man über die Lage rund um das SOS-Kinderdorf in Ksarnaba, rund zehn Kilometer nördlich der Stadt Zahle. Das erst im vergangenen Jahr neu eröffnete Kinderdorf befinde sich mitten in einer Kampfzone, alle Verbindungsstraßen seien zerstört, sagte Allouce. Vom Kinderdorf Sferai aus, etwa 15 Kilometer von Saida (Sidon) entfernt, werden 200 Familien, die sich in benachbarte öffentliche Schulen geflüchtet haben, mit Nahrungsmitteln unterstützt.

Dramatisch ist die Lage auch im SOS-Kinderdorf Rafah im palästinensischen Gaza-Streifen. Dieses Kinderdorf sei bereits zum wiederholten Mal von gewaltsamen und kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen, heißt es. Mit den worten "Alle Mitarbeiter hoffen und beten, dass die Situation nicht noch weiter eskaliert" wird der Kinderdorf-Verantwortliche von Rafah, Kamil el Shami, zitiert.

Im Libanon gibt es insgesamt vier SOS-Kinderdörfer, drei SOS-Jugendeinrichtungen, drei SOS-Kindergärten und drei SOS-Sozialzentren. (APA)

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