Have a Brezel with the Prof

25. Juli 2006, 19:18
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Talkshow im Science-Biergarten? Seminare im Flugzeug? Kuriose Formate und Themen sind Trumpf beim europäsichen Wissenschaftsjahrmarkt ESOF in München

Wie wäre es mit einer Vorlesung am Gartentisch samt Gelegenheit, den Starforscher, während man gemeinsam Butterbrezeln verspeist, mit Fragen zu löchern? Oder mit einem - natürlich streng wissenschaftlichen - Videospiel im "Mysterix"-Lastwagen? Wie wäre es mit einem Forschungsseminar in einem Flugzeug? Oder mit einer Talkshow im "Science Biergarten", in der die Vortragenden des Tages von BBC-Moderator Quentin Cooper hochgenommen werden?

Das Euroscience Open Forum (ESOF) in München hat natürlich auch herkömmliche Vorträge und Podiumsdiskussionen, Informationsstände ehrwürdiger Wissenschaftsorganisationen und Berge unlesbarer Broschüren und Forschungsberichte zu bieten. Doch ohne die ungewöhnlichen bis experimentellen Vermittlungsformate am Rande wäre das Treffen nicht halb so reizvoll. Dass das in der Wissenschaftssprache Nummer eins, nämlich schlechtem Englisch, über die Bühne geht, ist schwer zu vermeiden - schließlich soll ganz Europa vertreten sein.

Ohne die Besucher der öffentlichen Veranstaltungen mitzurechnen, sind es mehr als 1500 Wissenschafter, Wissenschaftsvermittler und -manager, die seit Samstag durch den Veranstaltungsbereich des Deutschen Museums schwirren. Dessen Leitung liegt seit zwei Jahren in den Händen des Quereisteigers Wolfgang Heckl. Als quasi erste Amtshandlung hat sich der Nanotechnologe und prämierte Wissenschaftskommunikator die ESOF gesichert - und vieles besser gemacht als bei der ersten Ausrichtung 2004 in Stockholm. Rund zwei Millionen Euro wurden dafür überwiegend von Stiftungen lukriert. Waren vor zwei Jahren die alten Herren in der Mehrzahl, stimmt dank konsequent reduzierter Gebühren für den Nachwuchs nun die Mischung der Teilnehmer bei Geschlecht wie Alter.

Gute Kopie

Heckl stand selbst noch am Anfang seiner Karriere, als er 1989 in die USA flog, um eine der legendären Jahrestagungen der American Association for the Advancement of Science (AAAS, sprich: "triple A-S") zu besuchen. Der Münchner war weder der Erste noch der Letzte, der angesichts dieses Jahrmarkts der Wissenschaft dachte: "So etwas brauchen wir in Europa auch."

Nach dem Motto "Besser eine gute Kopie als schlechter Eigenbau" ist das weit gehend gelungen, wie Jim Cornell, der Präsident des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten, versichert. Als wichtigsten Unterschied nennt er die Größe: Mit 10.000 Teilnehmern und einem entsprechend vielfältigeren Vortragsprogramm jenseits des Atlantiks kann sich die ESOF noch nicht messen.

Cornell schränkt ein, dass die AAAS-Events in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten an Bedeutung eingebüßt haben. Reporter bevorzugen heute die großen Fachkongresse, weil dort neue Forschungsergebnisse präsentiert werden. Fachübergreifende Events liefern eher Kontakte und Anregungen als eine gute Story. Bei der letzten AAAS-Tagung in St. Louis habe immerhin eine Debatte über die Eingriffe der Bush-Regierung in den Wissenschaftsbetrieb für Schlagzeilen gesorgt. Um aktuell zu sein, fordert Cornell, müssten die Planer mehr Flexibilität bekommen.

"Richtige Nachrichten sehe ich nicht", findet auch Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus in Dortmund. Dabei sei die Akzeptanz der ESOF unter den europäischen Journalisten bereits sehr hoch und lasse eher bei den Wissenschaftern zu wünschen übrig, was vielleicht auch daran liegt, dass sie es weniger gewohnt sind als ihre amerikanischen Kollegen, ihre Forschung knackig vor einem breiteren Publikum zu verkaufen und womöglich heftig darüber zu streiten. Ihre Chance in München verpasst haben laut Wormer allerdings auch die deutsche Wissenschaftsministerin Annette Schavan und Bundespräsident Horst Köhler mit uninspirierten Pflichtworten.

Die österreichische Wissenschaft ist bei der ESOF mit einem Dutzend Vorträgen vertreten. Zwei Wiener Wissenschaftssoziologinnen sind schon an der Planung beteiligt gewesen: Ulrike Felt in der Leitungsgruppe, Helga Nowotny im Beirat. Die Tagung selbst endet an diesem Mittwoch. Noch bis Freitag wird beim Münchner Wissenschaftssommer am Marienplatz und im Alten Rathaus fröhlich weiter experimentiert. (Stefan Löffler aus München/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7. 2006)

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    Bayern als europäisches Wissenschaftszentrum: Wenn Wissenschafter und Wissenschaftskommunikatoren einander treffen und über Neuentwicklungen diskutieren.

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