Brücke zu den Geisteswissenschaften schlagen

25. Juli 2006, 19:18
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Der Zoologe Friedrich Barth im Interview über die Herausforderungen der Neurosciences

Standard: Wie kommt es, dass ein Zoologe Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften ist?
Barth: Man darf die Neurowissenschaften nicht mit der Neurologie verwechseln. Das eine ist ein medizinisches Fach, das andere eine interdisziplinäre biologische Forschungsrichtung, an der Chemiker und Physiker ebenso beteiligt sind wie Ingenieurwissenschafter oder Informatiker. Fund für viele Neurowissenschafter ist der Mensch, nicht unbedingt das interessanteste Lebewesen. Es gibt, wenn ich so sagen darf, viele andere Tiere, die interessant genug sind, um daran zu forschen. Man sollte also Neurowissenschaften nicht bloß auf den Menschen reduzieren.

Standard: Kann man durch neurobiologische Forschungen an Tieren auch etwas für den Menschen lernen?
Barth: Selbstverständlich. Die generellen Prinzipien - also auch so komplexe Phänomene wie Lernen und Gedächtnis oder gewisse sensorische Mechanismen - sind quer durch das Tierreich sehr ähnlich. Ob ich jetzt ins menschliche Auge schaue oder in die Fotorezeptorzelle einer Meduse, macht aus neurobiologischer Sicht nicht viel Unterschied. Dazu kommt noch, dass ja auch das menschliche Gehirn eine Evolution hinter sich hat. Wenn man es besser verstehen will, muss man auch die evolutionären Vorstufen untersuchen.

Standard:Wie viel wissen wir dank der Neurowissenschaften schon über das Gehirn?
Barth: Unser Wissen darüber hat sich in den letzten Jahren sicher erheblich vergrößert. Zugleich hat man aber auch erkannt, dass viele Mechanismen in unserem Gehirn so kompliziert sind, dass wir in Zukunft zum Beispiel stärker mit der Mathematik und Informatik kooperieren müssen, um mit den enormen Datenmengen umzugehen. Außerdem bedarf es einer verstärkten Zusammenarbeit mit der Psychologie. Es gibt ja bereits jetzt Ansätze, wo die Entwicklungsneurobiologie und die Tiefenpsychologie zusammenkommen. Die Neurowissenschaften sind der Forschungszweig, der die Brücke zu den Geisteswissenschaften schlagen kann. Man muss da gedanklich schon sehr offen sein. (tasch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7. 2006)

ZUR PERSON
Friedrich Barth ist Professor für Neurobiologie an der Uni Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften.
  • Friedrich Barth: "Man sollte also Neurowissenschaften nicht bloß auf den Menschen reduzieren."
    foto: standard/hendrich

    Friedrich Barth: "Man sollte also Neurowissenschaften nicht bloß auf den Menschen reduzieren."

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