Die wahren Abenteuer sind im Kopf

25. Juli 2006, 19:18
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Beim Neurowissenschafts- Kongress in Wien zeigte sich, wie sehr die Neuro-Sciences boomen - und wie viel es noch über die Hirne bei Mensch und Tier zu entdecken gibt

Kürzlich versammelten sich über 5000 Neurowissenschafter in Wien, um neueste Forschungsergebnisse, vor allem über das menschliche Gehirn, vorzustellen. Einmal mehr zeigte sich dabei, wie sehr die Neuro-Sciences boomen - und wie viel es noch über die Hirne bei Mensch und Tier zu entdecken gibt.


"Das Gedächtnis ist ein unendlich spannendes Forschungsthema", sagt Eric Kandel. "Wir können uns noch weitere hundert Jahre damit beschäftigen, und trotzdem werden nicht alle Probleme rund um das Erinnern gelöst sein."

Der aus Wien gebürtige und vertriebene Neurobiologe muss es wissen, gilt er doch als einer der führenden Gedächtnisforscher unserer Zeit. Außerdem beschäftigt sich Kandel bereits seit fast fünfzig Jahren damit, wie Erinnerungsprozesse bei Mensch und Tier funktionieren.

Der Medizin-Nobelpreis-Träger des Jahres 2000 war Anfang des Monats nicht nur nach Wien gekommen, um sein neues Buch "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" vorzustellen und einige wenige Interviews zu geben, Kandel war auch einer der Vortragenden am Forum der Föderation der europäischen neurowissenschaftlichen Gesellschaften (FENS), das vom 8. bis zum 12. Juli 2006 stattfand. Mehr als 5000 Wissenschafter verschiedener Disziplinen und aus 76 Ländern hatten sich dafür im Austria Center Wien versammelt, um in 56 Symposien und neun Plenarsitzungen mit mehr als 3500 Vorträgen und Postern vor allem mehr über das menschliche Gehirn und sein Funktionieren zu erfahren.

Ein großer Teil von ihnen war auch gekommen, um Kandels Ausführungen über die Auswirkungen der Wiener Medizinischen Schule auf Sigmund Freud und die österreichischen Expressionisten von Klimt bis Schiele lauschten.

Im Einzelgespräch einige Tage vorher stellt Kandel klar, dass das Gedächtnis so etwas wie der Königsweg zum Gehirn ist: "Wenn man die Erinnerung vollständig verstehen würde, verstünde man auch ein Gutteil des Gehirns. Denn das Gedächtnis ist an nahezu allen unseren Gehirntätigkeiten beteiligt. "Die Plastizität im Nervensystem - also all das, was mit Lernen und Gedächtnis zu tun hat - war laut Friedrich Barth (siehe Interview), des Präsidenten der mit veranstaltenden österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften, auch einer der drei thematischen Schwerpunkte des Kongresses.

Mit dem rund einen Kilo schweren Klumpen grauer Masse, die in der Konsistenz einem gekochten Ei ähnelt, haben zumindest die Hirnforscher das wahrscheinlich komplizierteste Forschungsobjekt gewählt, das es auf Erden gibt: 100 Milliarden Zellen, die mit rund hundert Billionen Synapsen verbunden sind. Seine Erkrankungen liefern gleichsam die volkswirtschaftliche Legitimation für den Ausbau ihres boomenden Forschungsbereichs.

Milliardenkosten

Denn wie das European Journal of Neurology vor einem Jahr berichtete, leidet ein Viertel der europäischen Bevölkerung, also rund 100 Millionen Menschen, an Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder den Folgen von Schlaganfällen, Alzheimer oder Parkinson. Und das verursacht allein in Europa Kosten von schätzungsweise 386 Milliarden Euro jährlich.

Kein Wunder also, dass ihrer Bekämpfung ein zweiter thematischer Schwerpunkt der Konferenz gewidmet war. Die präsentierten Ansätze da-zu waren denkbar unterschiedlich und zum Teil überraschend: In Sachen Depression etwa scheint die "Pille danach"sofortige Linderung zu versprechen, wie niederländische Forscher rund um Paul Lucassen im klinischen Versuch an psychotisch-depressiven Patienten herausfanden. RU486 bzw. "Mifogyne"vermindert die Auswirkungen von Stress auf das Gehirn und trägt konkret dazu bei, dass es zu einer normalisierten Neubildung von Neuronen im Hippocampus kommt, also jener Region des Gehirns, die für das Gedächtnis und das Lernen so wichtig ist.

Hoffnungsgebiet

Bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson gelten Therapien mit Stammzellen als besonderes Hoffnungsgebiet. Berichtet wurde in Wien allerdings auch von einigen Rückschlägen: wie zum Beispiel von erfolglosen Versuchen, Parkinson dadurch zu bremsen, dass Dopamin produzierende Zellen ins Gehirn implantiert werden.

Therapien gegen Alzheimer wiederum könnten auch auf Basis von körpereigenen haschischähnlichen Substanzen entwickelt werden, wie italienische Forscher her-ausfanden: die so genannten Endocannabinoide, die der Körper bei Stress, Hunger, Schmerzempfinden und Entzündungen bildet, könnten bei Erkrankungen des Gehirns helfen, Zellen zu schützen oder zu reparieren.

Ein dritter Schwerpunkt der Konferenz waren für Friedrich Barth schließlich die bildgebenden Verfahren, mit denen neue Einblicke in die Funktionsweisen unserer grauen Zellen gewonnen werden - zum Beispiel, wie wir eine Vorstellung von Dingen oder Personen entwickeln. So stellte ein kalifornisches Team von Wissenschaftern rund um Christof Koch fest, dass einzelne Neurone quasi als Antwort auf bestimmte Bilder elektronische Signale aussandten, also "feuerten". Bei einem ihrer Probanden ließ sich eine bestimmte "Halle- Berry-Nervenzelle"sichtbar machen, die auf Fotos der US-Schauspielerin reagierte - und nicht nur das: Besonders bemerkenswert fanden die Wissenschafter, dass das Neuron nicht nur bei dem Photo feuerte, sondern auch auf den bloßen geschriebenen Namen Berrys.

Brücke geschlagen

Um Bilder und das Gehirn ging es auch im Plenarvortrag von Eric Kandel - dem einzigen übrigens, der für Friedrich Barth die Brücke von den Natur- zu den Geisteswissenschaften schlug.

Er erinnerte an die neurobiologischen Anfänge Freuds, der bei seinen frühen anatomischen Untersuchungen an Flusskrebsen zunächst an einem biologischen Modell des Geistes gearbeitet hatte, ehe er sich den Tiefenstrukturen des Unbewussten zuwandte.

Um Tiefenstrukturen sei es auch den österreichischen Expressionisten gegangen, wie Kandel seinen Kollegen, denen er Besuche im Belvedere und im Leopoldmuseum empfahl, kenntnisreich erklärte - selbstverständlich erst nach dem Kongress, versteht sich. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7. 2006)

  • Die Walnuss hat Ähnlichkeiten mit dem Gehirn und gilt auch als ideale Nahrung für das Oberstübchen - aufgrund des Vitamin-B-Gehalts.
    foto: standard/fischer

    Die Walnuss hat Ähnlichkeiten mit dem Gehirn und gilt auch als ideale Nahrung für das Oberstübchen - aufgrund des Vitamin-B-Gehalts.

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