Zwischen Hochofen und Taktstock

19. Juli 2006, 18:36
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Die Facetten von Linz als Erfolgsrezept für das Jahr der Kulturhauptstadt 2009. Doch wofür steht die Stadt?

Linz - "Ist Linz schön?" wollen Martin Heller, Intendant der Kulturhauptstadt 2009, und sein Team via Umfrage auf der Homepage www.linz09.at wissen. Die Antworten in den Internetforen sind so kontrovers wie Linz selbst. Kaum eine österreichische Stadt hat im 20. Jahrhundert so viel an Veränderung durchgemacht, kaum eine Stadt tut sich so schwer, Altlasten abzuwerfen.

Längst überholte Ansichten von Linz als Proletarier-Vorort des Industrieriesen Voest scheinen an der Landeshauptstadt fast untrennbar zu kleben und dämpfen den festen Willen der Stadt, sich als gelungene Mischung aus Industrie, Kultur und Lebensqualität zu präsentieren.

"Linz hat weit höhere Qualitäten, als sie der österreichischen Bevölkerung bewusst sind. Es gibt Vorurteile, die sich leider bis heute hartnäckig halten. Längst beseitigte Altlasten wie etwa die schlechte Luft oder das ehemals sicher zu geringe Bildungsangebot wirken bis heute nach", feilt der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch (SPÖ) am Stadtbild. Die fast über Nacht hereingebrochene Großindustrie mit den damaligen "Göring-Werken", der heutigen Voest und der Chemie sei auch in den Jahrzehnten nach Kriegsende der "maßgebende Imagefaktor"für Linz gewesen", so Dobusch.

Für den Leiter des Linzer Stadtarchivs, Walter Schuster, beginnt das imageprägende Wirtschaftszeitalter in Linz deutlich früher. Der eigentliche Start der Industrie sei mit der Gründung der so genannten Wollzeugfabrik im Jahr 1672 eingeleitet worden. "Dieses Unternehmen besteht fast 200 Jahre und prägt den Wirtschaftsstandort der Landeshauptstadt entscheidend", so Schuster. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgt dann mit der Tabakfabrik, der Frank-Werke für Kaffeeersatzstoffe, der Lokomotivfabrik Krauss oder der Schiffswerft der zweite große Industrieschub in Linz. "Bereits zum Ende der Monarchie war Linz eine Industriestadt."

Linzer Dynamik

"Die weit verbreitete Meinung, dass die Industrialisierung von Linz erst in der NS-Zeit passiert sei, ist falsch", so der Stadthistoriker. Dennoch hätte die Begründung eines so großen Komplexes wie den "Göring-Werken", wo ein ganzer Stadtteil ausgesiedelt wurde, die Stadt und ihre Bewohner entscheidend geprägt und nachhaltig verändert", so Schuster. Linz habe sicher auch heute noch das Image einer Industriestadt, das aber "zunehmend positiv"wahrgenommen werde. "Man weiß über die Bedeutung einer florierenden Wirtschaft für die Stadtentwicklung und empfindet etwa die Voest dank zahlreicher Umweltmaßnahmen nicht mehr als Manko", ist Schuster überzeugt. Dazugekommen sei noch, dass Linz in den letzten 20 Jahren das Image einer Kulturstadt angenommen hat. "Vor allem in der Zeit nach 1945 wurde stark in den kulturellen Bereich investiert. Man hat gemerkt, dass es auch ein Gegengewicht zur Stahlindustrie braucht", so Schuster. Gegründet wurde etwa 1947 die Neue Galerie, 1977 wird mit dem Brucknerhaus das neue Linzer Kultur-Aushängeschild eröffnet.

"Zu diesem neuen Selbstverständnis gehört auch, dass man es nach Jahrhunderten vergeblicher Versuche schafft, Linz als Uni-Stadt zu etablieren", erläutert Schuster. 1966 wird die Johannes Kepler Universität eröffnet, 1973 die Kunst-Uni und 1978 die katholisch-theologische Hochschule. "Ich bin davon überzeugt, dass die heutige Positionierung von Linz als Kultur- und Industriestadt eine sehr positive ist. Linz braucht diese Dynamik, dass immer etwas weitergeht", glaubt der Stadtarchivdirektor.

Image-Kanten will Bürgermeister Dobusch mit dem Kulturhaupstadtjahr schleifen: "Linz wird unter Wert gehandelt, 2009 haben wir die Bühne für eine neue Bewertung." (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7.2006)

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