Lokalaugenschein im Ziel-2-Gebiet

24. Juli 2006, 20:25
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"Geschichte(n) vor Ort"- eine Ausstellung rund um den Volkertplatz

Wien - Noch gilt die Gegend rund um den Volkertmarkt im zweiten Bezirk als ein strukturschwaches Viertel, das von der EU als Ziel-2-Gebiet gefördert wird. Verbessert werden soll die Lebens-, Wirtschafts- und Umweltsituation des Grätzels, das durch den ehemaligen Nordwestbahnhof geprägt wurde. Neue Zugänge eröffnen derzeit zehn Kunstprojekte, die "Kunst im öffentlichen Raum Wien"samt den Kuratoren Michael Kolecek, Margarethe Markovec und Roland Schöny unter Miteinbeziehung der EU-Fördergelder zumindest großteils realisierte. Für das Projekt von Andreas Fogarasi hat das Budget leider nicht ganz ausgereicht.

Anstelle einer Rampe, mit der der Künstler die Alliiertenstraße anheben wollte, um einen neuen Ausblick zu eröffnen, ist sein Projekt Rampa (Norden), unrealizednun als Modell im Heck eines Porsche 924 zu sehen. Aber auch wenn man mit diesem nun nicht über die Geleise hinwegschießen kann, verweist es sehr schön auf die Abgeschiedenheit des Viertels, das auf der anderen Seite mit der Heinestraße oder eben Istiklal Allee(die Unabhängigkeitsstraße in Istanbul) schließt: Michael Blum verwirrt mit seinem Vorschlag zur Umbenennung der Heinestraße die Umgebung.

Ausgehend von einem Info-Point am Volkertmarkt führen die Kuratoren bis 30. Juli jeden Freitag um 18 Uhr zu den Installationen, darunter zu den Vertrauten Orten, die die slowakische Künstlerin Pavlína Fichta Cierna mit persönlichen Geschichten von Bewohnern markierte. Ähnlich charmant funktionieren auch die Denkmäler für die Leute vom Volkertmarkt, mit dem die kroatische Künstlerin Kristina Leko die sozialen Zusammenhänge im Viertel thematisiert. Gemeinsam mit dort aufgewachsenen Schülern erarbeitet sie deren Lebensläufe, die in Form großflächiger Schriftbilder auf mehreren Haus- und Brennwänden zu lesen sind. Im Gegensatz dazu steht das auf dem Volkertplatz fixierte Denkmal für eine Nobelpreisträgerin: In einem Video skizzieren Helmut und Johanna Kandl die Erfolgsstory einer Frau, die "trotz"ihrer Sozialisation im Volkerviertel 2045 den Nobelpreis gewinnt.

Weniger um die potenziellen Spitzenleistungen als um die unmittelbaren Bedürfnisse der Bewohner besorgt ist dagegen Isa Rosenberger, die in ihrem Trafik Kinobei freiem Eintritt ausgewählte Filme zum Thema Stadt präsentiert, und auch die Intervention Global Parkingder tschechischen Künstlergruppe Kamera skura involviert die Anrainer, die sich nun bei der Parkplatzsuche zwischen der richtigen Religion und einem freien Parkplatz entscheiden müssen. Mit den Symbolen der sechs größten Religionsgemeinschaften markiert, thematisiert die Arbeit gesellschaftliche Segregationsprozesse, wobei allerdings weniger ein kurzer Besuch des Viertels als die Arbeit von Kurt &Plasto die Vielfalt der kulturellen und religiösen Herkunft der Bewohner vermittelt: Für ihre beeindruckende Collage Open the door pleasehat das bosnische Künstlerduo sämtliche Gegensprechanlagen abfotografiert.

Und weil sich schließlich jeder für seinen "veröffentlichten"Namen interessiert, ist die Installation ähnlich wie der Spieltisch von Marusa Sagadin und Michael Hielsmair ein Versammlungsort für die Bewohner des Viertels geworden, dessen Ruhe eigentlich nur das mit Posaunen und Trompeten bestückte Karussell von Constantin Luser, Lukas Galehr und Matthias Makowsky durchbricht. (Christa Benzer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 7. 6. 2006)

  • Das Geld reichte nicht: "Rampa (Norden), unrealized" von Andreas Fogarasi im Heck eines Porsche 924.
    foto: auzinger

    Das Geld reichte nicht: "Rampa (Norden), unrealized" von Andreas Fogarasi im Heck eines Porsche 924.

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