F. Scott Fitzgerald: Zwischen Groschenheft und Proust

18. Juli 2006, 18:20
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Der Autor US-amerikanischer Seelenstudien ist in einer Neuausgabe des Diogenes Verlags neu zu entdecken

Als Artist des Lebensüberdrusses und als Chronist des 20. Jahrhunderts.

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In der angeblich so bunt schillernden Romanwelt des F. Scott Fitzgerald, in der umso hartnäckiger Longdrinks gereicht werden, je kürzer, je unverbindlicher die Begegnungen zwischen den Nur-Reichen, den Nur-Schönen ausfallen, herrscht eine Art Umgebungsfinsternis.

Eigentlich ist es eine Art Nebel, der aus den Sintergruben aufsteigt, die die glitzernde Stadt New York mit Dämpfen einwölken. Ein kaum spürbarer Druck aus hässlichen Sphären. Wie aus jener anonymen Vorstadthölle, die der "große Gatsby"auf dem Weg heim in sein Luxusdomizil auf Long Island in einem geborgten Auto durchrast, bis die Frau eines Automechanikers tot auf dem Highway liegen bleibt. Er, Gatsby, der gar nicht am Steuer saß, findet einen absurd ungerechten Rachetod im Schwimmbecken seines hochherrschaftlichen Anwesens. Es ist schlicht lächerlich - wie Gatsby, der sentimentale Selfmade-Amerikaner und gelernte Segelkünstler, auf seiner Luftmatratze tot über den Pool treibt.

Fitzgerald-Helden, das lehrt die Wiederlektüre seiner fünf großen Romane, deren Neuübersetzungen nunmehr vom Diogenes-Verlag in einem beispiellos teuren Schuber aufgelegt wurden, sind auf niederschmetternde Weise unzeitgemäß. Sie schlüpfen in ihrer überlegen eloquenten Pracht durch ein bloß angelehntes Zeitfenster, das vom Krieg 1917/18 noch rußgeschwärzt ist, in dessen durchscheinenden Teilen aber bereits der ganze Jammer der Weltwirtschaftskrise ersichtlich wird.

Gibt es aber ein Leben im Zwischenraum? Fitzgeralds Figuren sind, kaum angetreten zum Partydienst nach Vorschrift, nach Vor- und nach Vollrausch, schon wieder hoffnungslos überlebt. Niemand hätte darüber besser Bescheid gewusst als Fitzgerald (1896-1940) selbst: ein Selfmade-Amerikaner von vollendeter Manierlichkeit.

In seinen besten Zeiten, 1930 und 1931, rissen ihm die angesehensten US-Journale seine mit wegwerfender Brillanz heruntergeklopften Stories um 2500, um 3500 Dollar aus den Händen. Trotzdem hatte der geeichte Party-Tiger Fitzgerald bereits 1937 Schulden von rund 22.000 Dollar angehäuft.

Für seine Frau Zelda mussten kostspielige Klinikaufenthalte gebucht werden. In die schöne Feierlaune, in die von Grillen überzirpten Sommertage an der Côte d'Azur, wo Amerikaner aus Illinois marmorgetäfelte Luxushotels zur ihrem Vergnügen besetzt halten, mischen sich unüberhörbar Verspätungszeichen.

Albtraumgestade

Der vielleicht atemberaubendste der Fitzgerald-Romane, Zärtlich ist die Nacht (1934), der den deutschen Lesern jetzt erstmals in der originalen, vom Autor intendierten Fassung zugänglich gemacht wird, handelt vom beschriebenen Zeitverlust an fremden Albtraumgestaden.

Aus einer französischen Sandlandschaft mit Strandkörben taucht wie ein vorzeitliches Ungeheuer der Wohlstandsamerikaner Dick Diver herauf. Als Nebenfigur, die auf eine kaum flügge gewordene Hollywood-Beauty einen saghaften Reiz ausübt (die sexuelle Vereinigung der beiden wird Fitzgerald nach mehreren hundert Seiten abhandeln wie eine lässliche Nebensächlichkeit; in Wahrheit spiegelt der Roman des Autors Verhältnis zu seiner kranken Frau).

Fitzgerald ist der unüberbietbare Meister der wegwerfenden Figurenentwicklung. Man soll sich von seinen wie in Marmor gemeißelten Helden möglichst kein Bild machen (können). Und man soll verstehen, dass bereits im Moment ihrer allerhöchsten, rauschhaften Prachtentfaltung das glänzende Material, aus dem diese notorischen Unruhegeister gebaut sind, ausgehöhlt ist. Wurmstichig geworden, wie man in den alten Tagen der Stepptanz-Schlager sagte.

Nur gehört die Party-Sphäre, dieser von Nachverfinsterungen wie von einer Schwade überstandene Quatschklub der "hoffnungsfrohen"US-Zivilisationstechniker, die sich Europa unter den Nagel reißen, die vom ihnen fremden Busen der Moderne in tiefen Schlucken saugen, einer Art Nachwelt zu Lebzeiten an.

Fitzgerald, der erfolglose Lohnschreiber in und für Hollywood (Der letzte Tycoon), der Mann, der seinen eigenen Ruhm überleben musste, um die Schreibmaschine irgendwann gegen ein Kristallglas einzutauschen, ist der exemplarische Zeitgenosse unserer auf "Prominenz"getrimmten Halböffentlichkeit in medial durchseuchten Weltgesellschaftszonen.

Seine Romanprosa, die sich in herrlichen Neuübertragungen (u. a. von Renate Orth- Guttmann und Hans-Christian Oeser) raubtierhaft streckt und dehnt, hält in ihren zahlreichen, prekären Momenten die Halbdistanz zwischen Groschenheft und Marcel Proust. Sie ist nie ganz so großartig, wie sie vorgibt zu sein.

Zu Tode zitiert

"Zwischendurch erfasste sie immer wieder das Wesentliche seiner Sätze und ergänzte sie aus dem Unterbewusstsein, so wie man den Schlag einer Uhr erst hört, wenn man von den ungezählten Schlägen noch den Rhythmus im Ohr hat."Dieser fast zu Tode zitierte Satz, angeblich Ausweis von Fitzgeralds stilistischer Brillanz, ist beides: eine Preziose, die den Gehalt ganzer Prosamassen ziseliert zusammenfasst. Und zugleich stimmt er natürlich nicht: Welchem (zugegeben: angegriffenen) Nervensystem sollte sich ausgerechnet der "Rhythmus"mitteilen, wenn doch die durchdringende Wirkung des Schlages gemeint ist?

Aber sie ist welthaltig genug, um ihre vom Flitter besprenkelten Protagonisten in Abgründe zu tauchen, von deren bloßer Existenz sich die Jonathan Franzens (und Daniel Kehlmanns) dieser Welt keinen hinreichenden Begriff zu machen in der Lage sind.

Es ist an der Sommerzeit, sich einen Longdrink zu servieren - und sich die Romane von F. Scott Fitzgerald wieder einmal gesagt sein zu lassen: sublime Höllenstürze, die von jener Zwischenzeit handeln, in der der Geist halb wach, das Fleisch aber nicht mehr willig ist. In denen das "Projekt"der Emanzipation in den Krater stürzt. Die Bücher heißen: Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammtensowie die drei bereits genannten. Sie sind, Gott sei's geklagt, so ähnlich aufgemacht wie der Mist von Paolo Coelho, und auch einzeln beziehbar. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 7. 6. 2006)

  • F. Scott Fitzgerald (1896-1940). Eine Edition seiner Romane, jüngst im Diogenes Verlag erschienen, rückt das Bild eines ewigen Partylöwen in ein deutlich gedämpftes Licht.
    foto: diogenes verlag

    F. Scott Fitzgerald (1896-1940). Eine Edition seiner Romane, jüngst im Diogenes Verlag erschienen, rückt das Bild eines ewigen Partylöwen in ein deutlich gedämpftes Licht.

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