Hamas-Minister im Interview: "Freilassung ohne Gegenleistung wäre Schande"

19. Juli 2006, 16:12
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Ohne Gefangenentausch werde der im Gazastreifen entführte Israeli nicht freikommen, sagt Atef Adwan: In der Hamas-Führung ortet er aber Differenzen

Ohne Gefangenentausch werde der im Gazastreifen entführte Israeli nicht freikommen, sagt Hamas-Minister Atef Adwan im STANDARD-Interview. In der Hamas-Führung ortet er aber Differenzen.

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Standard: Zahlreiche Minister und Parlamentsabgeordnete der Hamas wurden seit Beginn der israelischen Offensive in den Palästinensergebieten verhaftet. Befürchten Sie auch festgenommen zu werden?

Adwan: Nein. Aber ich treffe Vorkehrungen, um nicht von einer israelischen Rakete getroffen zu werden. Ich versuchen nicht allzu viel auf der Straße zu sein, nicht mit Autos zu fahren und sogar selten zu telefonieren, denn das könnte unsere Position verraten. Sie haben die Elektrizitätswerke angegriffen, die Universität (im Gazastreifen, Anm.). Die Israelis haben den Verstand verloren.

Standard: Die derzeitige Krise wurde durch die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit ausgelöst, an der auch der bewaffnete Arm der Hamas beteiligt war. Haben Sie Kontakt mit den Entführern?

Adwan: Wir als Regierung haben keinen direkten Kontakt mit den Entführern. Die ägyptischen Vermittler sprechen mit ihnen. Wir versuchen aber die ägyptischen Vermittler davon zu überzeugen, uns dabei zu helfen, die israelischen Angriffe zu stoppen. Und wir versuchen die Entführer Shalits davon zu überzeugen, ihn nicht zu töten.

Standard: Einige Beobachter gehen davon aus, dass die Entführung des Soldaten von der Hamas-Führung in Damaskus unter dem Hardliner Khaled Mechaal organisiert wurde. Dadurch sollten die Bemühungen der Regierung unter Ismail Haniyeh, die im Gefangenenpapier Israel indirekt anerkannt haben, torpediert werden?

Adwan: Aber sogar Khaled Mechaal hat nicht die Tötung des israelischen Soldaten befohlen. Ich denke nicht, dass die Hamas in Moderate und Fundamentalisten aufgespalten ist.

Standard: Aber Mechaal schlägt doch ganz andere Töne an als Haniyeh. Haben Sie nicht das Gefühl, dass die Hamas-Führung in Damaskus die Politik Ihrer Regierung stört?

Adwan: Wir versuchen uns von keiner Partei stören zu lassen. Es mag Differenzen zwischen den beiden Männern geben. Denn Haniyeh ist der Premierminister der Palästinenser, während Mechaal Führer der Hamas ist. Die Verantwortung, die auf Haniyeh ruht, ist eine andere, die auf Mechaal liegt.

Standard: Wie ist derzeit die Lage im Gazastreifen?

Adwan: Nach dem Angriff auf das einzige Elektrizitätswerk, haben wir etwa sechs Stunden Strom am Tag. Wir haben also nur sechs Stunden, um Wasser zu bekommen (die meisten Wasserpumpen im Gazastreifen werden elektronisch betrieben, Anm.). In den Nächten haben wir oft kein Licht. Es gibt immer wieder Angriffe, Raketen schlagen ein. Wir durchleben eine sehr schwer Zeit.

Standard: Wäre die Lösung nicht, den israelischen Soldaten ohne Bedingungen freizulassen?

Adwan: Das glaube ich nicht. Mehr als 8000 Palästinenser sind in Israel inhaftiert, ein Teil von ihnen sind Kinder und Frauen. Es wäre eine Schande für die Palästinenser, wenn der Soldat freigelassen wird, und wir nichts als Gegenleistung erhalten. Unsere Leute machen Druck auf die, die Shalit haben, um ihn nicht ohne eine Gegenleistung freizulassen.

Standard: Aber wie wollen Sie dann einen Ausweg aus der Krise finden, es sieht nicht danach aus, als ob Israel nachgeben würde.

Adwan: Die Israelis üben großen Druck aus, aber die Palästinenser haben Erfahrung mit solchen Situation. Sie werden nicht aufgeben. wenn Israel weiter Druck ausübt, ist der ganze Nahe Osten gefährdet. Ich denke daher, die EU sollten im Konflikt vermitteln.

Standard: Was denken Sie über die Entführung der israelischen Soldaten im Libanon?

Adwan: Wir leben in einem Kriegszustand. Ich habe das nicht erwartet, aber in einem Krieg, muss man mit allem rechnen. (András Szigetvari/ DER STANDARD, Printausgabe, 19. 07. 2006)

ZUR_PERSON: Atef Adwan (54) ist Minister für Flüchtlinge in der Hamas-Regierung. Zuvor lehrte er an der Universität von Gaza Politikwissenschaft. der Standard erreichte ihn telefonisch im Gazastreifen.

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