Schwimmrekordversuch zu Fuß

20. Juli 2006, 15:50
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Lewis Pugh will den gesamten Themselauf durchkraulen – Beim Start fehlte das Wasser

Schade, als Athlet mit Rekordambitionen hatte Lewis Pugh sich das alles ein wenig anders vorgestellt, vor allem feuchter. Der 36-Jährige ist angetreten, um etwas zu schaffen, was vor ihm noch keinem Menschen gelang, vielleicht nur deshalb, weil es noch keinem in den Sinn kam. Die Themse hinabschwimmen will er, von der Quelle bis zur Mündung; das sind immerhin 346 Kilometer.

Doch seit Monaten herrscht in England extreme Trockenheit. An seinem Oberlauf, vom Weiler Kemble bis zur Halfpenny Bridge im idyllischen Lechlade, rund dreißig Kilometer lang, führt „Father Thames“ einfach zu wenig Wasser, als dass man darin anständig kraulen könnte. Notgedrungen musste Pugh, der immer Grenzbereiche testen will, die erste Etappe laufen. Als Kind hatte er Abenteuerbücher verschlungen; zum Beispiel über den Polarforscher Robert Scott oder Edmund Hillary, den Bezwinger des Mount Everest. Im elitären Cambridge studierte er Jus, heute verdient er seine Brötchen als Anwalt für Seerecht in der Londoner City. Der normale Mensch würde sich freilich auch bei rauschenden Fluten fragen, ob das überhaupt geht, in der Themse zu schwimmen, ob es nicht die Gesundheit gefährdet. Nach Wolkenbrüchen kann es passieren, dass man stinkende Abwässer direkt in den Fluss leitet, denn andernfalls würden die veralteten Klärbecken am Rande Londons hoffnungslos überflutet. Jedes Mal treiben dann tote Fische auf dem Wasser.

Das „große Bild“

Pugh lässt sich davon nicht beirren. Er sieht das, was Briten „the big picture“ nennen, das große Bild, das ein paar Havarien nicht trüben können. Im großen Bild hat London den Fluss als Perle entdeckt, nachdem es ihn jahrzehntelang vornehmlich industriell nutzte: Wo früher die Kraftwerksschlote rauchten, verströmen schicke Uferpromenaden nun fast mediterrane Atmosphäre – und: In der Hauptstadt tummeln sich wieder 120 Fischarten im Strom. „Vor zwanzig Jahren hätte ich meine Tour nicht riskiert. Heute habe ich keine Angst, dass ich mich vergiften könnte“, sagt der Extremsportler.

Etwas anderes aber macht ihm große Sorgen: das Abschmelzen der Gletscher der Erde. Dagegen will er ein Zeichen setzen, weshalb ihn auf seiner zweiwöchigen Reise ein Tross des World Wildlife Fund begleitet; Flugblätter verteilend, Passanten aufklärend. Gletscher faszinieren Lewis Pugh. Die Norweger nannten ihn bewundernd den „Ice Man“, als er neulich die arktischen Fluten vor Spitzbergen durchschwamm. Es war sein jüngstes Meisterstück. Das erste hat er 1992 abgeliefert, indem er den Ärmelkanal querte. Zurück zur Themse. Ihre Tücken lauern ab Teddington, südwestlich von London. Hinter dem Wehr von Teddington wird sie zum Gezeitenfluss, das heißt, der Wechsel von Ebbe und Flut der Nordsee überlagert die Strömung des Flusses. Die Ruderer, die jeden März zum Uni-Duell zwischen Oxford und Cambridge antreten, wissen ein Lied von den Launen dieser Konstellation zu singen. „Du kommst nicht voran, wenn die Flut vom Meer her-eindrängt“, sagt Pugh, „du brauchst einen Gezeitenkalender, sonst kannst du nichts planen“. (Frank Herrmann aus London; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7.2006)

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