Schlechtes Zeugnis für Österreichs Arbeitsproduktivität

1. August 2006, 16:45
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Österreich ist in der "Weltrangliste der Arbeitsproduktivität" stark zurückgefallen. Es reicht nur noch für Platz 19 unter den 20 hoch entwickelten Industrieländern

Wien – Vor zehn Jahren lag Österreich noch auf dem 13. Platz, heuer geht sich nur noch der 19. unter den 20 hoch entwickelten Industrieländern aus. Das zeigt die neueste "Weltrangliste der Arbeitsproduktivität", die jährlich vom renommierten BERI-Institut erstellt wird. Die Studie dient internationalen Konzernen als Entscheidungshilfe für die Standortwahl von Industriefirmen.

Als Pluspunkte werden im Falle Österreichs die gute Infrastruktur und die Ausbildung und Motivation der Mitarbeiter angeführt. Als negativ für Investoren werden die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten angesehen. Hinter Österreich liegt in der Gruppe der hoch entwicklten Industrieländer lediglich nur noch Italien.

Der Grund für den Absturz Österreichs ist der Aufholprozess in der unmittelbaren Nachbarschaft. Tschechien und Ungarn erreichen 55 von hundert möglichen Punkten, Österreich 57.

Im Zeitraum 1996 bis 2006 sank Österreich von 60 auf 57 Punkte. Die osteuropäischen Länder holten dagegen auf: Polen von 47 auf 51, Ungarn von 49 auf 55 und Tschechien von 52 auf 55. Deutschlands Punktezahl ging jedoch von 65 auf 61 im gleichen Zeitraum zurück. Andere EU-Länder wie Frankreich und die Niederlande blieben stabil, Großbritannien stieg von 56 auf 61 Punkte, die USA von 69 auf 75.

Das BERI-Institut, das in 140 Staaten arbeitet, bewertet die Lohnkosten im Verhältnis zur Produktivität, das Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte, die Kostenbelastungen durch Sozial- und Mitbestimmungsgesetze sowie die durch Fehlzeiten und Streiks verursachten Kosten. Nach Ansicht des für Europa verantwortlichen BERI-Leiters Bruno Hake ist Österreich „für stark automatisierte und technisch anspruchsvolle Produktionen ein guter Standort. Für weniger komplexe und für lohnintensive Produktionen ist das Land aber zu teuer". Seine Prognose: "Daher werden weiter Arbeitsplätze abwandern, überwiegend in die neuen EU-Länder.“ Diese in der Studie als "Schwellenländer" bezeichnete Staaten wie Tschechien, Ungarn und Polen seien wegen der Schwächen in der Infrastruktur und Arbeitskräftequalität nur für die Produktion "mittlerer Technologie" geeignet. Dies treffe auch auf Portugal sowie die Türkei und China zu.

Warnung vor Ländern

Nur wenige Entwicklungsländer sind nach Ansicht des BERI-Instituts für einfache und lohnintensive Produktionen geeignet. Deshalb warnt das Institut vor der Verlagerung von Betrieben in "ungeeignete Niedriglohnländer". Durch Mängel in der Infrastruktur, Ausbildung und Motivation der Arbeitskräfte sowie Bürokratie und Korruption seien die tatsächlichen Produktionskosten überraschend hoch. Schlusslichter der Rangliste sind Vietnam, Venezuela und Nigeria. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7.2006)

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    grafik: standard/beri-institut
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