"Ersatzdebatte Fremdenfeindlichkeit"

17. August 2006, 15:14
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Caritas-Direktor Landau warnt vor einem Bruch des Sozialgefüges in Europa

Wien - Der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau beklagt, dass der Druck auf die Menschen an den gesellschaftlichen Rändern zunimmt: "Wir sehen das an steigenden Beratungszahlen, steigenden Lebenshaltungskosten und an der Zunahme psychischer Erkrankungen."Im letzten Jahr hätten sich mehr als 14.000 Menschen an die Beratungsstellen der Caritas Wien gewendet, österreichweit waren es sogar 45.000, sagt Landau im Gespräch mit dem Standard. Das sei um rund zehn Prozent mehr als in den vergangenen zwei Jahren.

"Zugleich befinden wir uns in der dramatischen Situation, dass Armut und Reichtum auseinander wachsen. Das heißt, unser Solidargefüge bekommt Risse, und die werden breiter. Was droht, ist ein Bruch dieses Solidargefüges sowohl in Österreich als auch in Europa", meint Landau. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen seien dramatisch, vor allem weil der Diskurs darüber von falschen Fokussierungen ausgehe: "Ich bin überzeugt, dass die Diskussion um Fremdenfeindlichkeit eine Ersatzdebatte ist. Im Kern geht es um Fragen der sozialen Fairness und Perspektive. Menschen, die mit fremdenfeindlichen Parolen verführbar sind, sind, abgesehen von einem harten Kern, Menschen mit Zukunftsangst."

Er habe Sorge, dass "sehr bald von einem Ausländerwahlkampf geredet und geschrieben wird, wo es in Wahrheit um andere Themen geht", betont Landau. Er fordert zwei Dinge: "Maßnahmen zur Entängstigung, wie gemeinwesenorientierte Sozialarbeit in Form von Streetworkern. Zweitens brauchen wir mehr Gespräche in Gemeindebauten, wo Polizei und Sozialarbeiter gemeinsam die Diskussion führen sollen.

"Integration werde auf Jahrzehnte hinaus ein Thema bleiben, also müsse sie langfristig gemanagt werden: "Ich denke an eine Integrationskommission nach deutschem Vorbild, weil es ein Gesamtkonzept für intelligente Zuwanderung braucht. Und an ein eigenes Staatssekretariat für Integration."Noch wesentlicher sei aber ein "Perspektivenwechsel, der das Potenzial von Menschen mit Migrationshintergrund erkennt und einbindet." (Samo Kobenter/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Juli 2006)

  • Caritas-Direktor Landau fordert einen Wechsel in der Migrationspolitik.
    foto: der standard/corn

    Caritas-Direktor Landau fordert einen Wechsel in der Migrationspolitik.

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