Tischmanieren aufgegabelt

15. November 2006, 18:06
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Die Wiener speisen hauptsächlich abends, Tiroler und Vorarlberger setzen auf "Slowfood", und bei Salzburgern muss es besonders schnell gehen - das ergab eine Studie zur heimischen Tischkultur

"Warum rülpset und furzet Ihr nicht? Hat es Euch nicht geschmacket?", soll Martin Luther einen Gast gefragt haben. Herzhaftes Schmatzen und Rülpsen, das bis ins 17. Jahrhundert als Kompliment für Koch oder Gastgeber galt und noch heute in Japan höfliches Zeichen des Lobes für gutes Essen bedeutet, ist in unseren Breiten der Inbegriff von "Ess-Unkultur".

85 Prozent der Österreicher halten den geräuschvollen Verzehr für die schlimmste Unsitte bei Tisch, wie eine Gallup-Umfrage, die im Auftrag des Besteckherstellers Berndorf unter 1000 Personen ab 14 Jahren durchgeführt wurde, ergab. Nicht beliebt macht man sich auch mit schmutzigem Geschirr und Sprechen mit vollem Mund. 53 Prozent der Österreicher halten Rauchen beim Essen für unangebracht, wobei in Tirol und Vorarlberg die Ablehnung mit rund 75 Prozent am höchsten ist und die Wiener am tolerantesten den Rauchern gegenüber sind. Nicht gern gesehen wird auch das Essen mit den Fingern oder wenn das Gegenüber Zeitung liest oder fernsieht. Das falsche Halten des Bestecks ist hingegen nur einem Viertel der Befragten wichtig.

Mittagessen als Hauptmahlzeit

Für die meisten Österreicher (54 Prozent) ist das Mittagessen die Hauptmahlzeit, 38 Prozent nannten das Abendessen, sieben das Frühstück. Ausreißer in der Statistik ist Wien, wo es sich genau umgekehrt verhält: Für 52 Prozent ist das Abendessen die Hauptmahlzeit, wie auch für unter 30-Jährige und Berufstätige. In Kärnten und der Steiermark wird gleich gern zu Mittag und zu Abend gegessen. Rund die Hälfte der Österreicher stillt den mittäglichen Hunger zu Hause, von den Auswärtsessern speist wiederum die Hälfte am Arbeitsplatz und je ein Viertel in der Betriebskantine oder im Restaurant. Immerhin 15 Prozent nehmen die Jause auf der Straße, etwa am Würstelstand, ein.

Gegessen wird am liebsten mit der ganzen Familien oder mit Freunden. Erst dann folgt die Zweisamkeit mit dem Partner mit 42 Prozent Zustimmung. Essen mit Berufskollegen oder ganz allein liegt weit abgeschlagen bei 17 beziehungsweise zwölf Prozent.

Dass es schmeckt, ist für 82 Prozent der Österreicher immer noch wichtigstes Kriterium der heimischen Esskultur, danach kommen erst Sauberkeit, eine angenehme Umgebung und ein schön gedeckter Tisch. Dass es schnell geht, ist 39 Prozent der Oberösterreicher und Salzburger wichtig, aber nur sieben Prozent der Tiroler und Vorarlberger, die offenbar eher von der aus Italien stammenden "Slowfod-Bewegung"beeinflusst sind. Nicht überraschend tendieren unter 30-Jährige eher zum Fast Food als Ältere.

Essen macht glücklich

Grundsätzlich macht qualitätsvolles Essen und Trinken die überwiegende Mehrheit der Österreicher (87 Prozent) einfach glücklich, 78 Prozent sehen es als Kommunikationsgelegenheit. Wobei die Umfrage bei der Themenwahl der Tischgespräche Klischees bestätigte: Demnach unterhalten sich Frauen am liebsten über Familie, Kinder und Partnerschaft, während Männer über Sport, Autos und die Arbeit reden wollen. Immerhin 58 Prozent halten die Nahrungsaufnahme schlicht für ein Mittel zum Überleben.

37 Prozent der Österreicher (und 44 der über 50-Jährigen) meinen denn auch, dass der Stellenwert der heimischen Esskultur in den letzten zehn Jahren gesunken ist. "Nachholbedarf gibt es vor allem bei jungen Leuten,"konstatiert Studienleiterin Roswitha Hasslinger, die sich vorstellen kann, dass wertkonservative Benimm-Kultur durch die TV-Serie "Dancing Stars"auch bei Jüngeren wieder in Mode gekommen ist. Auffallend sei, dass Frauen kritischer und anspruchsvoller sind, was die Tischkultur betrifft: Frauen ist es wichtiger, dass der Tisch schön gedeckt ist - und sie sind es auch, die vorwiegend dafür zuständig sind: 82 Prozent der Frauen, aber nur 34 Prozent der Männer gaben an, den Tisch zumeist selbst zu decken. Die Mühe für ein liebevolles Gedeck machen sich die Österreicher vor allem bei besonderen Anlässen oder wenn Gäste anwesend sind. Deshalb gebe es auch bei der Verankerung einer gepflegten Tischkultur im Alltag noch Nachholbedarf, stellt Hasslinger fest.

Im Wandel begriffen

Das Speisen und Trinken unterliegt als Teil der gesellschaftlichen Kultur einem ständigen Wandel: So unterscheidet sich der Umgang mit Besteck und Gläsern heute deutlich von früheren Esssitten: Bis zum 16. Jahrhundert mussten die Gäste ihr eigenes "Mundzeug"mitnehmen, das in speziellen Schatullen aufbewahrt wurde. Gemeinschaftlich benutzt wurden dafür die Trinkgefäße. Die Gabel gehörte erst ab 1700 zum Besteck, da die Kirche das dreizackige Instrument als "Werkzeug Satans"verurteilte. Vorreiterinnen im Aufgabeln waren deswegen Prostituierte, bis sich auch "anständige"Bürger die Vorzüge der Gabel nicht mehr entgehen ließen. (Karin Krichmayr/DER STANDARD-Printausgabe, 18.07.2006)

  • Der gepflegte Umgang mit Messer und Gabel ist im Abnehmen begriffen, meinen die meisten Österreicher. Tischmanieren hin oder her - am Wichtigsten ist aber immer noch, dass es schmeckt.
    foto: christian fischer

    Der gepflegte Umgang mit Messer und Gabel ist im Abnehmen begriffen, meinen die meisten Österreicher. Tischmanieren hin oder her - am Wichtigsten ist aber immer noch, dass es schmeckt.

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