"Nicht mehr Opfer, nicht mehr Täter sein"

18. Juli 2006, 19:32
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Israelis und Palästinenser im Friedenscamp

Franzen - Aus dem Jugendgästehaus Franzen dringt Musik und Gelächter. Junge Menschen aus Israel, Palästina, Österreich und Ungarn sind in einem Gemeinschaftsraum versammelt. Alle sitzen im Kreis, nur einer von ihnen sitzt in der Mitte. Er soll seinen Gefühlszustand vermitteln, ohne dabei zu reden. Die anderen versuchen, seine Emotionen akustisch darzustellen, indem sie auf den Boden trommeln, klopfen, klatschen, singen oder sonstige Laute von sich geben. Wenn der Jugendliche sich verstanden fühlt, verlässt er den Kreis, und ein anderer tritt an seine Stelle.

Der Workshop, der hier statt findet, ist Teil des Projekts Peace Camp, das unter dem Motto "Nicht mehr Opfer, nicht mehr Täter sein"läuft. Ziel ist es, dass junge Menschen ein stärkeres Bewusstsein für das Mit- und Nebeneinanderleben entwickeln. Der Fokus liegt in diesem Fall auf dem Nahostkonflikt. Im Rahmen dieser Initiative soll Jugendlichen aus Palästina und Israel gezeigt werden, dass Nachbarstaaten auch in Frieden miteinander leben können, so die Initiatorin des Projektes, die Wiener Psychotherapeutin Evelyn Böhmer-Laufer

Gegen Gewalt

Konfliktsituationen zwischen den Gruppen, insbesondere zwischen Palästinensern und Israelis, sind hier (noch) nicht zu entdecken. Sergev Ben David, ein sechzehnjähriger Bursch aus Israel sagt: "Ich möchte neue Kulturen und interessante Menschen kennen lernen."Er mag keine Kategorisierungen in Nationalitäten, und er findet:"Gewalt ist immer das schlechteste Mittel zur Konfliktbewältigung."

Der gleichaltrige Bilal Dissi aus Palästina schließt sich seiner Meinung an: "Wir müssen beginnen, gewaltfreie Lösungen zu finden."Die Jugendlichen wirken dem für sie meist Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen, obwohl viele von ihnen noch nie zuvor allein verreist sind.

Der Tagesablauf dreht sich rund um Workshops zum Thema darstellende Kunst, um Kulturveranstaltungen und um Outdooraktivitäten, bei denen den Jugendlichen scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt werden. Die Lösung "kann nur dann gelingen wenn sie sich zusammentun und irgendeinen Weg finden, als Gruppe zu arbeiten", so Böhmer. Beim Peace Camp im Vorjahr in Kärnten beispielsweise wurden in der Umgebung "Schätze"versteckt, auf die es nur spärliche Hinweise gab. Diese konnten nur durch intensive Gruppenzusammenarbeit zu zielführender Information zusammengefügt werden.

Grenzen ausloten

Des weiteren gibt es täglich psychoanalytische Großgruppengespräche, in denen die Teilnehmer anfallende Probleme diskutieren können. Hier geht es darum, dass die Jugendlichen "für sich draufkommen, wo die eigenen unbewussten, oft auch verpönten Hindernisse liegen, die sie hindern, so liberal und freundschaftlich zu sein", sagt Böhmer. Es geht hier also nicht nur darum zu lernen, wie man mit anderen zusammenlebt, sondern auch darum, seine persönlichen Grenzen kennen zu lernen.

Schon vor Beginn des Camps haben die Jugendlichen unter Anleitung ihrer Gruppenkoordinatoren versucht, ihre Familiengeschichte ganz genau zurückzuverfolgen. Dazu waren unter anderem in der Heimat Interviews mit Angehörigen geführt worden. Bei den Kulturabenden präsentieren die Jugendlichen auf Basis dieser Interviews ihre kulturelle Identität und Lebensart und lernen sich dadurch auch selbst besser kennen. (Anais Weinberger/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 07. 2006)

  • Bilal Dissi aus Palästina: "Wir müssen gewaltfreie Lösungen finden."
    fotos: weinberger

    Bilal Dissi aus Palästina: "Wir müssen gewaltfreie Lösungen finden."

  • Sergev Ben David aus Israel: "Gewalt ist immer das schlechteste Mittel."
    fotos: weinberger

    Sergev Ben David aus Israel: "Gewalt ist immer das schlechteste Mittel."

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