"Wir erfinden den Ball nicht neu"

20. Juli 2006, 12:17
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Turnierdirektor Christian Schmölzer über Bürokratie, Slogans und die Tickets

Wien - Natürlich behauptet Christian Schmölzer nicht, dass die Fußball-WM in Deutschland "mäßig war. Sie war schon ein tolles Ereignis. Aber man soll jetzt nicht alles verklären". Der 38-jährige Schmölzer ist als Turnierdirektor der EURO 2008 für den Standort Österreich zuständig, um die Schweiz kümmert sich Christian Mutschler, den beiden quasi übergeordnet ist der leitende Geschäftsführer Martin Kallen.

Die drei gaben sich die WM live, um zu lernen. "Und auch um zu sehen, was man anders machen kann."Schmölzer störte "die Überorganisation in manchen Bereichen. Muss man wirklich dreimal kontrolliert werden? Den deutschen Anspruch, alles neu zu erfinden, übernehmen wir sicher nicht. Beim Rasen ist das vor lauter Perfektion ziemlich in die Hose gegangen. Das Rad und auch den Ball gibt es bereits, das sollte einem Veranstalter immer bewusst sein".

Kritisiert wurde im Vorfeld der WM die Kartenvergabe, das Ticketing. Das wird auch bei der EURO kein Honiglecken werden, "weil auch da die Nachfrage das Angebot deutlich übertrifft". Die Stadien in Österreich und in der Schweiz haben zudem ein geringeres Fassungsvermögen als die Hütten in Deutschland. "Anderseits spielen bei der EM 16 Mannschaften, nicht 32."

Im März 2007 soll im Internet ein erstes Kontingent für die Fans aufgeschnürt werden. Schmölzer: "Die Vorrundentermine der beiden Gastgeber stehen ja fest."Generell soll dafür gesorgt werden, "dass ein Klagenfurter eine realistische Chance hat, ein Match in Klagenfurt zu sehen. Er soll teilhaben dürfen an dem, was vor seiner Haustür passiert".

Eine Person darf maximal vier Karten pro Partie ordern, namentlich scheint nur der Besteller auf. "Alles andere wäre bürokratisch nicht bewältigbar. Was er mit den drei anderen Karten macht, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber in gewisser Weise sind die Wege nachvollziehbar, wir haben die Daten des Käufers."

Über die Preisgestaltung ist man sich noch nicht ganz einig, die EURO sollte aber ein bisserl günstiger als die WM sein. In Deutschland kostete die billigste Karte in der Vorrunde 35 Euro, später bis zu 120. Schmölzer: "Daran werden wir uns orientieren. Viel tiefer kann man nicht kalkulieren."35 bis 38 Prozent der verfügbaren Sitze gelangen in den freien Verkauf (etappenweise), 40 Prozent erhalten die beiden an der jeweiligen Partie beteiligten Verbände (halbe-halbe), um ihre Landsleute zu bedienen. So 20 Prozent behält sich die UEFA, um die Sponsoren zu befrieden.

Schmölzer: "Wir haben unsere Hausaufgaben bisher ordentlich gemacht."Dass von einer Begeisterung in Österreich wenig bis nichts zu spüren ist, beunruhige ihn nicht. "Diese Kritik kommt reflexartig, weil bei der WM einiges los war. Aber wir haben fast zwei Jahre Zeit, man darf die Leute nicht zu lange mit einer Propaganda und mit Slogans quälen. Die Fans werden schon mitfiebern, da mache ich mir keine Sorgen. Und ein großer Teil der Stimmung wird ohnedies von außen ins Land reingetragen. (Christian Hackl, Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 18. Juli 2006)

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