Geräuschvolle Selbstgespräche

17. Juli 2006, 18:28
posten

Freie Improvisation in Nickelsdorf

Nickelsdorf – Festivals wie die Nickelsdorfer Konfrontationen entziehen sich äußerlich auch nach bald 30 Jahren hartnäckig der Aura institutioneller Amtlichkeit. Das Programm etwa wird ein paar Wochen zuvor in einer formlosen E-Mail-Aussendung kund getan, die einzige gedruckte Information bietet ein am Konzertort aufliegendes DIN-A-4-Blatt mit den Basisdaten – in dem sich prompt die eine oder andere Band-Überraschung findet.

Auf diese Weise macht Hans Falb, Hausherr der für ihre relaxte Atmosphäre berühmten Jazzgalerie, aus der Not eines knappen Budgets, zu dem er Jahr für Jahr erkleckliche Beträge aus eigener Tasche beisteuert, eine Tugend. Wo wenig Geld, dort auch kein Raum für Hochglanz-Routine; dort lebt – rein organisatorisch – informelle Pragmatik.

Im Programm selbst findet man indessen durchaus gewisse Strukturverfestigungen. Schließlich hat auch Nickelsdorf seine Stammgäste – solche auf der Bühne wie solche davor. Gerade die 27. Ausgabe bot den Legenden der freien Musik, die in den 60ern den Weg für eine europäische Jazzidentität frei gemacht haben, wieder mehr Raum.

Einige von ihnen, Alexander von Schlippenbach (Klavier), Paul Lovens (Schlagzeug) und Paul Rutherford (Posaune) fanden sich am Sonntag mit Saxofonist Tobias Delius zum freien Dialog zusammen: Spannende Momente gab’s vor allem in ausgedünnten Texturen, auch dann, wenn Klavier und Schlagzeug in trashigen Pseudo-Swing verfielen – insgesamt überwogen jedoch die Momente des Suchens jene des Findens.

Der Soloauftritt von Manon-Liu Winter bedeutete ein neues Gesicht in diesen Breiten. Die Wiener Pianistin, kürzlich mit einer Einspielung von Sonaten Galina Ustwolskajas hervorgetreten, präsentierte interessante, wenn auch (technisch) noch nicht gänzlich ausgereifte Ideen.

Über repetitive Pianostrukturen aus dem Computer legte Winter – gleichsam mit sich selbst kommunizierend – eruptive Improvisationen, während sie im zweiten Stück Musique-concrète-Soundscapes spannungsvoll in Richtung noisiger Abstraktion verschwimmen, Lokomotiv-Signale im Soundnebel untergehen ließ.

Anfangs etwas statisch, blockhaft, mit Fortdauer jedoch immer schlüssiger, choreografierte Georg Gräwe die Klänge des 13-köpfigen Sonic-Fiction-Orchesters.

Gleich einem akustischen Malkasten bediente sich der deutsche Pianist und Komponist jeweils einzelner Instrumentalisten, um mit ihnen kontrastreiche kammermusikalische Plots zu erzählen. Filigrane Oboen-Pointillismen fanden darin ebenso ihren Platz wie atonale Streicher-Espressivos oder frei improvisierte Kollektive, glöckchenklare Song-Vokalisen (Almut Kühne) und zischend-brodelnde Stimmgeräusche (Phil Minton) – eine clevere Integration all dessen, was improvisierte Musik anno 2006 sein kann. (Andreas Felber/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2006)

Konfrontationen auf SWR 2: 30. 8., 22. 9., 29. 9., 13. 10.
Share if you care.