Hisbollah: "Eine Bewegung von Hunderttausenden"

18. Juli 2006, 07:49
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Die militanten Schiiten reizten die israelische Armee zur Intervention im Libanon - Sie haben sich somit Sympathien in der gesamten islamischen Welt erworben

Vor wenigen Monaten führte Hussein Nabulsi noch stolz durch das Hisbollah-Hauptquartier im Südteil von Beirut. Heute liegt es nach der israelischen Bombardierung in Schutt und Asche. "Am Anfang waren wir nur etwa hundert", erklärte damals der Pressechef der Hisbollah. "Heute sind wir eine Bewegung von Hunderttausenden."Tatsächlich hatte sich die schiitische Hisbollah nach ihrer Gründung 1982 zur größten Volksbewegung des Libanon und zu einem "Regional Player"im Mittleren Osten gemausert. "Hisbollah ist der wichtigste Abschreckungsfaktor gegenüber Israel", hieß es in einer Studie des Jaffee Zentrums der Universität Tel Aviv.

Im Jahr 2000 musste die israelische Armee aufgrund hoher Verluste aus dem besetzten Südlibanon abziehen. In der arabischen Welt feierte man die Hisbollah als Sieger, die Israel die erste historische Niederlage beigebracht hatte.

Hisbollah - Staat im Staat

Hauptsächlich durch die finanzielle und logistische Unterstützung des Iran, der auch in den Anfangstagen 2000 seine republikanischen Soldaten geschickt hatte, wurde Hisbollah zum Staat im Staat. Sie kontrolliert den gesamten Südlibanon, in dem die Mehrheit der insgesamt 1,2 Millionen Schiiten des Landes lebt.

Hisbollah unterhält ein soziales Netzwerk von Schulen, Krankenhäusern und anderen Hilfswerken, ohne die das Sozialsystem des Libanons zusammenbrechen würde. Die Propagandaabteilung unterhält eine Radiostation, den TV-Sender Al Manar, dazu 52 verschiedene Webseiten und eine Computerabteilung, die digitale Kriegsspiele auf den Markt bringt.

Eliteausbildung im Iran

Im libanesischen Parlament besitzt Hisbollah zwar nur 19 Abgeordnete, aber der militärische Flügel macht die große Politik. Rund 20.000 Soldaten, die im Iran eine Eliteausbildung erhielten und mit "State-of-the-Art-Equipment"ausgerüstet sind, sollen permanent unter Waffen sein. Dazu kommen bis zu 60.000 geschulte Reservisten, die innerhalb von ein, zwei Tagen einsatzbereit sind. In den Waffenarsenalen, unterirdisch über den ganzen Libanon verteilt, liegen nach Schätzungen etwa 50.000 Raketen, die zum großen Teil aus dem Iran via Syrien geliefert wurden. Experten gehen davon aus, dass darunter auch "Missiles"sind, die Tel Aviv erreichen können.

Hisbollah hat nicht zum ersten Mal israelische Soldaten entführt. Im Jahr 2000 kidnappte sie in den umstritten Shebaa-Farmen drei Mitglieder der israelischen Armee. 2004 wurden knapp 500 palästinensische und libanesische Gefangene für sie getauscht.

Entwaffnung nach UN-Resolution abgelehnt

Von einer Entwaffnung, wie es die Resolution 1559 des UN-Sicherheitsrates vorsieht, will Hisbollah nichts wissen. Die libanesische Regierung unter Premier Fuad Siniora versuchte bisher vergeblich auf dem Verhandlungsweg eine Lösung zu finden.

Wie üblich war die Regierung über die geplante Entführung von israelischen Soldaten nicht unterrichtet worden. Das Kabinett Siniora wurde von den Ereignissen hilflos überrollt und zum Statisten degradiert. Der Premier musste bei den Vereinten Nationen um Unterstützung zur Kontrolle der Hisbollah bitten.

Mit dem Beschuss israelischer Städte und Zivilisten will Hisbollah Waffenstillstand und Verhandlungen erzwingen. Mit dieser Strategie hatte sie bereits 1996 Erfolg gehabt. Damals wurde ein Abkommen mit Israel geschlossen, sämtliche Zivilisten aus den Kampfhandlungen auszuschließen. Sollten derartige Verhandlungen auch diesmal gelingen, wird Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, tatsächlich zum großen nationalen Führer des Libanons und der gesamten arabischen Welt, für den er sich in diesen Tagen bereits ausgibt. Bei seinem letzten Fernsehauftritt sprach er davon, dass Hisbollah in der Lage sei, "die einmalige historischen Chance zu nutzen, Israel endlich zu besiegen".(Alfred Hackensberger /DER STANDARD, Printausgabe, 18. 07. 2006)

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    Hisbollah-Anhänger bei einer Kundgebung in Beirut. Die "Partei Gottes"ist nicht nur eine politische, sondern vor allem auch eine soziale Bewegung.

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